Pauline HannHerbstblätter

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Herbstblätter

Pauline Hann

5,985 words
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Lauf: 2026-09-08 09:51쪽 1 / 21

„Ich kann ihn nun selber tragen!

Herbstblätter 삽화

Bemühen Sie sich nicht weiter!“ Die alte Frau nahm dem Mädchen den kleinen, mit Kot und Blut beschmutzten Jungen ab und ging, nach einem kurzen Kopfnicken, ja ohne ein Wort des Dankes, in ihr Haus hinein. Verblüfft blieb die Nachbarin, ein junges, nettgekleidetes Mädchen mit einem zarten, schüchternen Gesicht, vor der Tür stehen. Warum wurde sie so ohne jede Förmlichkeit entlassen? Das alte, zahnlose Mütterchen hatte es geduldet, dass sie ihr den schweren Jungen die ganze, ziemlich lange Strecke von der Pferdebahn bis zum Hause mehr trug als führte. Freilich hätte sie den Liebesdienst auch nicht ablehnen können, selbst wenn sie Lust dazu gehabt hätte. Der Schrecken war ihr in die alten Glieder gefahren, als das wilde Kerlchen, noch bevor sie das Zeichen zum Halten gegeben hatte, vom Wagen sprang, hinfiel und sich das Gesicht aufschlug.

Und als das junge Mädchen, das an derselben Straßenecke ausstieg, den kleinen Unband, ohne ein Wort zu sprechen, auf den Arm nahm, war sie ihr wortlos gefolgt; aber die Blicke, die sie auf die junge Helferin heftete, zeugten von allem anderen eher als von Dankbarkeit und Wohlwollen, und der Abschied war entschieden unhöflich. Merkwürdigerweise hatte sich das Bübchen ohne Widerrede von der Fremden tragen lassen, während es sich oft aus den Armen der alten Frau sträubend loswand, was das Mädchen vom Fenster aus beobachtet hatte. So war es vermutlich großmütterliche Eifersucht, was die Greisin so ablehnend erscheinen ließ. Eine andere Erklärung konnte Johanna Stirner dem sonderbaren Benehmen nicht geben.

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Frau und Kind waren ihr nicht ganz fremd, obschon sie ihre Namen nicht wusste. Seit etwa vier Wochen hatte sie das einfenstrige Gassenzimmerchen dem Hause der Alten gegenüber gemietet. Sie war eine Kleidermacherin, eine Waise, die sich seit dem Tode ihrer Eltern tapfer und ehrlich durchs Leben schlug. Erst hatte sie Stunden gegeben, aber das Schneidern wurde besser bezahlt. Ihre Arbeit ernährte sie und gestattete ihr den Genuss eines der feineren Vergnügen, an die sie in ihrem wohlhabenden Elternhaus gewöhnt gewesen war: den Besuch eines Theaters oder Konzerts oder den eines befreundeten Hauses, das sich nicht von ihr zurückgezogen hatte, als sie den Kampf ums Dasein selbständig aufnehmen musste. Ihre Beschäftigung zwang sie, nahe am Fenster zu sitzen, und während die flinken Hände in das feine Zeug stachen, hatte ihr Geist Zeit zum Beobachten und Nachdenken.

Unwillkürlich formte sie sich die Lebensgeschichte zu den Gesichtern, die sie in den Fenstern oder auf der Straße sah. Das alte Paar ihr gegenüber, das die wärmende Herbstsonne suchte und in ihrem Schein an je einem Fenster im ersten Stockwerk saß, musste schwere Verluste erlitten haben. Sicher war es das verbitternde Unglück, das ihnen die herben Linien in die Gesichter gezogen hatte, wahrscheinlich der Verlust ihrer Lieben. Das junge Mädchen glaubte zuerst, sie ständen ganz allein, aber bald sah sie einen wilden kleinen Jungen, der nicht mehr als vier Jahre zählen mochte, in der Stube herumstürmen und das Oberste zu unterst kehren. Die Alten ließen ihm wohl zu viel eigenen Willen, denn es kam vor, dass sich der Wildfang auf das Fenstersims setzte und die kleinen Beinchen in die Straße hinabbaumeln ließ. Das sah lebensgefährlich aus, aber wenn es ihm die Großeltern wehrten, so bemerkte man keine Wirkung davon.

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Sie sprachen auf ihn ein, und er blieb unbekümmert auf seiner Warte, bis ihm ein anderer Einfall durch das Gehirn schoss, er in die Stube zurückkletterte, um nach ein paar Minuten auf der Straße unter den wilden, zerlumpten Rangen aufzutauchen. Sie waren älter als er, aber das hinderte ihn nicht, wie ein kleiner trotziger Kampfhahn auf sie einzudringen. Putzig genug sah er aus, wenn er mit seinen Fäusten auf die großen Bengel loshämmerte, unbekümmert darum, wohin sie ihrerseits mit ihren Armen trafen. Wenn er hinabkam, war er sauber und trug gute Kleider, aber eine halbe Stunde unter seinen Widersachern sah ihn voll Staub und Schmutz und den Anzug in Fetzen.

Fräulein Johanna konnte sich nicht enthalten, dem prächtigen dunkeläugigen Burschen die zerzausten Locken zu streicheln oder ihm einen Apfel, ein Stückchen Backwerk zuzustecken, wenn sie an ihm vorbeikam. Das arme Mädchen ahnte wenig, welchen Missdeutungen sie sich durch ihre harmlose Freundlichkeit aussetzte.

„Wieder eine!“ sagte die zahnlose Alte und winkte bedeutungsvoll zu ihrem würdigen Gemahl hinüber.

„Sie spekuliert“, pflichtete er bei, „dem Kind schmeichelt sie und meint jemand anderen. Nun, wir sind auch noch da!“

Da Johanna abends vom Fenster abrückte und zufällig die ersten Sonntage bei ihren Freundinnen eingeladen war, wusste sie gar nicht, dass die interessante Familie über der Straße noch ein Mitglied zähle; um wie viel weniger konnte ihr einfallen, dass man ihr niedrige, eigennützige Pläne auf dasselbe beimesse. Sie wohnte schon eine geraume Zeit in ihrem Stübchen, bis sie einmal zufällig abends an das Fenster trat und drüben einen noch jungen Mann mit einem sehr ernsthaften Gesicht bemerkte. Die leidenschaftliche Innigkeit, mit der er das Kind liebkoste, fiel ihr auf. Dann unterhielt sie der Kampf, der in der Regel mit aufgeweckten und nicht sonderlich lenksamen Kindern ausgefochten werden muss, der Kampf um das Zubettgehen. Das Kerlchen lief lachend und schreiend vor der Großmutter davon, diese mochte bitten und drohen, das sah man an ihren Mienen, aber ohne einen Eindruck zu erzielen.

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Zuletzt machte der junge Mann der Komödie ein Ende, indem er das Kind in den Arm nahm und aus der Stube trug. Ohne sich zu sträuben, ließ es der kleine Junge geschehen, ja er drückte vergnügt lachend sein Gesicht an das bärtige; das war offenbar sein Papa, der Knabe nicht, wie sie vermutet hatte, doppelt verwaist. Dann hat sie auch den jungen Mann hie und da beobachtet; wenn er das Kind nicht bei sich hatte, wurde sein Gesicht trostlos, abgespannt, das eines Menschen, dem das Leben nicht leicht fällt. Dem war gewiss mit seiner Frau das beste Teil gestorben, und das Beisammensein mit den alten Leuten, die seine Eltern nicht sind, darauf möchte das Mädchen wetten, bietet ihm vermutlich keinen vollwichtigen Ersatz für das, was er verloren hat.

Allabendlich setzt er sich mit ihnen zum Kartenspiel nieder, aber aus der Entfernung kann sie sehen, dass diese Art Zeitvertreib von ihm als eine einmal übernommene und ohne Widerstand ausgeführte Pflicht statt als Vergnügen betrachtet wird. Bleierne Langeweile, unzerstörbare Gleichgültigkeit haftet bei Gewinn wie Verlust in seinen Zügen, während es in den alten Gesichtern gierig oder enttäuscht aufzuckt und der volle Spieleifer aus ihren hastigen Bewegungen spricht. Wenn sich das Paar endlich zur Ruhe begeben hat, dann wandert der Mann noch lange rastlos in dem Wohnzimmer herum; Johanna stellt sich vor, dass es einst das Glück seiner jungen Ehe umschlossen hat, und nun von all den Geistern toter Freuden für ihn bevölkert ist. Eine spukhafte Gesellschaft! Kein Wunder, dass sich seine Stirn furcht und das Gesicht den Ausdruck müder Resignation trägt. Der Mann dauert sie; und sie weiß nicht einmal, wie sehr er zu bedauern ist.

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Seit drei Jahren steht das alte Paar zwischen ihm und jeder erwachenden Regung von Lebenslust. Ihnen ist mit ihrem einzigen Kind alles gestorben; sie könnten es nicht begreifen, wenn es bei dem jungen Mann anders wäre. Ein eifersüchtiger Liebhaber könnte nicht ängstlicher seine Herzensdame bewachen, als die beiden Greise ihren Schwiegersohn. Es ist eine böse Welt, voller Fallstricke. Ihr Alter und ihr Missgeschick hat sie argwöhnisch gemacht. Am Ende ist es doch nur Liebe, wenn auch eine verzerrte, missartete, die ihr sonst unverantwortliches Beginnen diktiert; sie können sich nicht darein finden, eine andere die Stelle einnehmen zu sehen, die ihr einziges Kind ausgefüllt hat. Und sie zittern für Ivo, ihr Enkelkind, dem eine Fremde nicht die Zärtlichkeit entgegenbrächte, die er bei ihnen findet. Wo könnte der kleine Schelm, der kaum ein Jahr zählte, als ihm die Mutter starb, besser aufgehoben sein, als bei den Großeltern?

Die alte Frau hat manche Nacht bei dem Kleinen durchwachen müssen, die Last und Plage, die solch ein junges Menschenkind verursacht, war für ihre Jahre nichts Geringes. Ivos Vater wäre ein verhärteter Bösewicht, wenn er der großen Opfer nicht dankbar gedächte und die kleinen Schrullen übersähe. Dass sie in jeder Frauengestalt, die in seinem Gesichtskreis auftauchte, eine gewissenlose Glücksjägerin witterten, dass sie und ihr Mann nicht müde werden konnten, ihn zu warnen und über die unlauteren Beweggründe für jedes freundliche Wort, an ihn gerichtet, für jede Liebkosung, die der schöne kleine Bursche empfing, aufzuklären, erschien ihm allerdings nicht gerade als ein Beweis von liebenswürdiger Gemütsart, auch trug es nicht dazu bei, ihm das Zusammenleben mit ihnen besonders erfreulich zu gestalten.

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Aber um ihn handelte es sich nicht, ihn hielt sein Beruf den ganzen Tag vom Hause fern; wenn er sein Kind treu behütet wusste, so hatte er wohl alles erreicht, was ihm sein armes, verstörtes Leben noch zu bieten vermochte. Diese nimmermüde Sorgfalt, die keine andere Hand dem Knaben widmen würde, war ein Dogma. In der Obhut seiner Großeltern konnte ihm nichts geschehen, es war unmöglich bei ihrer unausgesetzten Wachsamkeit! Und nun hatte sich der Junge blutig geschlagen, als er mit der Großmama aus dem Park heimfuhr, und um ihr keinen Tropfen in diesem bittern Kelch zu ersparen, musste eine Fremde ihm zu Hilfe eilen, nein, keine Fremde, eine Harpye, die schon seit Wochen darauf lauerte, über den gedeckten Tisch herzufallen, die vermutlich das einfenstrige Zimmer nur um ihrer versteckten Pläne willen gemietet und mit geübter Hand Zug um Zug auf ihrem Schachbrett getan hatte.

Schon sah die Alte ihren leichtgetäuschten Schwiegersohn in den Banden einer berechnenden Frau, Ivo bei Seite geschoben und rauh angefahren, da griff sie denn nach dem ersten Ausweg, der sich ihr offenbarte, sie hieß den Jungen über den Vorfall schweigen. Papa würde sehr böse werden, wenn er erführe, dass Ivo vom Wagen abgesprungen, bevor dieser hielt, schärfte sie ihm ein und blickte höhnisch zu der Nachbarin hinüber, die nun wieder emsig arbeitend beim Fenster saß, um sich durch ihren Fleiß „ein gutes Bild einzulegen“. Für diesmal war ihr das Spiel verdorben. Die Alte hätte kein schlechteres Mittel ergreifen können; und wäre nicht schon eine so lange Zeit verstrichen, seit sie ihr eigenes Kind erzog, sie wäre sicher nicht darauf verfallen.

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Ivo war, wie die meisten lebhaften, aufgeweckten Kinder, kein Grübler; er hätte bis zum Abend den Hautriss samt dem Pflaster darüber, das zarte Mädchengesicht, das sich über ihn gebeugt, das mitleidige „Hast du Schmerzen, du armer Schelm?“ vollkommen vergessen, wenn das Verbot nicht gewesen wäre. Das erhielt den ganzen Vorfall frisch in seinem Gedächtnis und verlieh ihm eine tiefe Bedeutung. Und als Papa am Abend gleich beim Kommen das Pflaster auf der Stirn bemerkend, auf seine Frage von Großmama die Antwort erhielt, Ivo habe sich an der Tischkante gestoßen, wurden die Augen des Kindes sehr groß. Großmama hatte gelogen, ein guter Teil ihrer Autorität war für immer dahin. Hartnäckiger als sonst wehrte sich der Kleine gegen sie, als sie ihn zu Bett bringen wollte. Aber hartnäckiger als sonst bestand sie heute auf ihrem Willen; es war nicht ratsam, Vater und Kind an diesem Abend sich selber zu überlassen.

Aber als sie Ivo trotz seines Sträubens ergriff, schrie er: „Lass mich, oder ich sage dem Papa, dass ich vom Wagen gefallen bin!“

Ihr fielen die Hände vor Schreck in den Schoß, und ohne Widerstand duldete sie es, dass der Teufelsjunge sich von Papa emporheben und aus dem Zimmer tragen ließ. Erst nach einer Weile folgte sie ihnen, um ihrem Schwiegersohn beim Auskleiden des kleinen Prinzen zu helfen, aber der lag schon im Bett, mit beiden Händchen um den Hals des Vaters, der seinen Kopf auf das Kissen neben den des Kindes gelegt hatte; es war wie gewöhnlich; kein Anzeichen, dass der Range geplaudert und alle Mühe umsonst gewesen war. Beruhigt zog sie sich zurück. Sie ahnte nicht, was ihr der nächste Morgen bringen würde.

Es war ein Sonntag, ein schöner, milder Frühlingstag. Großmama sah kein Arges darin, dass ihr Schwiegersohn bat, dem Kinde sein bestes Kleid anzulegen. Vermutlich führte er ihn, wie er es fast jeden Sonntag tat, in den Park spazieren. Als der junge Mann und das Kind der Türe zuschritten, wandte sich der erstere nochmals um: „Ich hoffe, Großmama, wir werden zur rechten Zeit zurück sein, doch sollten wir uns, wider Erwarten, verspäten, dann nehmt das Essen ohne uns ein. Ich beabsichtige, mit Ivo einen Besuch zu machen.“

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Einen Besuch? Seit dem Tode, nein schon seit der Erkrankung seiner Frau hatte er nicht daran gedacht, ein fremdes Haus zu betreten, fing er auf einmal an, der Außenwelt Interesse abzugewinnen? Der Alten erschien dies wie eine Beeinträchtigung ihrer toten Tochter.

„Wohin willst du mit Ivo gehen?“ fragte sie und wischte dem Kinde über das ohnehin blanke Gesichtchen; sie hatte kein Recht zu der Frage, aber ihre Wissbegier trug manchmal den Sieg über ihre Klugheit davon.

„Selbstverständlich zu dem jungen Mädchen, das meinem Kinde Beistand geleistet hat. Es war nicht recht, Großmama, dass du mir den Vorfall verheimlicht hast. Die junge Dame müsste uns für Leute ohne Lebensart und Erziehung halten, wenn wir ihr nicht einmal unseren Dank dafür aussprachen, dass sie den schweren Jungen bis zum Hause trug.“

Nun lag ihm schon an der Meinung einer wildfremden Näherin. Großmama war wütend.

„Ich hatte es vergessen“, sagte sie, mühselig eine gleichgültige Miene behauptend, „gedankt habe ich ihr für die kleine Mühe übrigens schon gestern. Sie wird wohl wissen, weshalb sie sich sie nahm. Wäre mein armes Kind noch am Leben, dann hätte die drüben gewiss keine Hand nach Ivo ausgestreckt.“

„Ja“, schnarrte Großpapa von seinem Sitz am Fenster dazwischen, „sich selbst sein Brot verdienen, das ist ein unangenehmes Geschäft für eine junge Dame, viel besser, man setzt sich in ein wohleingerichtetes Haus hinein, selbst wenn man so ein lästiges Anhängsel“, er wies auf Ivo, „mit in Kauf nehmen muss.“

„Da stößt man dann in alle Ecken“, wehklagte seine Gemahlin, „ich habe es nicht einmal, nein dutzendmal mit angesehen. Wenn ein Kind den Vater verliert, so ist es traurig, aber mit der Mutter büßt es alles, alles ein.“ Beschwörend streckte sie die Hände nach ihrem wie auf Kohlen stehenden Schwiegersohn aus.

„Franz, wenn du dem Knaben eine Stiefmutter gibst, sieh nicht auf Jugend und Schönheit, sieh nur, ob sie ein Herz zu dem Kind fassen kann!“

„Ich weiß nicht, was dir einfällt, Großmama“, sagte der junge Mann unwirsch, „ich denke nicht daran, mich wieder zu verheiraten. Mein Sohn ist bei euch gut aufgehoben, und ich kann doch nie wieder so glücklich werden, wie ich es mit Marie gewesen bin.“

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Das war eine Beruhigung für die Alten, aber Franz ging ärgerlich, aus seiner gewöhnlichen Gelassenheit aufgerüttelt, davon. Die Beschwörungen und Prophezeiungen wickelten ihn in einen grauen dicken Nebel ein, durch welchen er die Welt in ziemlich trübseligem Licht erblickte. Zuletzt tat es ihm leid, dass er so bestimmt seine Absicht angekündigt hatte, der Nachbarin in Person zu danken. Was sollte ihm der Verkehr mit einer Fremden? Er war durch sein Unglück an Einsamkeit gewöhnt, fühlte sich am wohlsten allein oder in der Gesellschaft seines Kindes. Die Alten hatten nicht unrecht, er tat am besten, wenn er sein leckes Lebensschifflein abseits von den anderen Seefahrern lenkte, die unter vollem Segel hinglitten und vom Leben noch Glück und erfüllte Verheißungen erwarteten. Vielleicht hatten sie auch recht mit ihren Warnungen; sie kennen die Nachbarin seit längerer Zeit, haben sie beobachtet, während er sie noch kaum bemerkt hat.

Ivo hat heute nicht viel Vergnügen von seinem vor sich hingrübelnden Papa. Aber er verlangt von dem traurigen Mann nicht, dass er sich so unausgesetzt mit ihm beschäftige, wie es die Großeltern tun, die ihn mit ihren Lehren und ihrer Beaufsichtigung gar oft langweilen. Er ist schon zufrieden, wenn er mit seinem Papa sein, neben ihm hergehen kann, vergebens bemüht, seine Schritte den weitausgreifenden anzupassen. Im Park setzt sich Franz auf eine Bank, der Kleine befriedigt an seine Seite. Nach einer Weile wird er des Stillsitzens überdrüssig und beginnt, die schönen gelbfarbigen und purpurroten Blätter aufzulesen, die der Herbst auf den Rasen verstreut hat. Ein ganz unterhaltendes Geschäft, und wenn man die minder schönen immer wieder gegen besser gefärbte vertauschte, mag es auch für eine geraume Zeit vorhalten.

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Der Vater trifft Anstalten, sich von seinem Sitz zu erheben, und blickt nach dem Knaben aus. Beide Hände voll mit seiner prächtigen Beute eilt er auf ihn zu. Franz ist soeben zu dem Entschluss gekommen, es sei am besten, nach Hause zu gehen und der Fremden einige Zeilen des Dankes zu schreiben, denn er ist des Verkehrs mit Frauen vollkommen entwöhnt, und die Worte der Alten haben, ohne dass er es sich gestehen mag, ihren Einfluss auf ihn nicht verfehlt. Da sagt Ivo:

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„Die roten und gelben Blumen bringe ich alle dem schönen, großen Mädchen, das mich nach Hause getragen hat. Die wird sich freuen!“

Es war feuchtkalt in den Zimmern. Die Sonne schien plötzlich ihre ganze Macht eingebüßt zu haben. Großmama saß, in einen dicken Schal gewickelt, am Fenster und blickte ingrimmig zu der Nachbarin hinüber. Was sie sah, war aber auch wirklich geeignet, ihrem Verdacht Nahrung zu geben, und ihr am Nebenfenster gleich einer großen grauen Spinne lauernder Gemahl, ein heimtückischer Greis, der sich freute, für seine geringe Meinung von der Menschheit im Allgemeinen an besonderen Fällen eine Bekräftigung zu finden, verstand es trefflich, durch gelegentliche boshaftige Bemerkungen, wie „wenn sie das Kind mit ihrer Zärtlichkeit nur nicht erdrückt!“ oder „Franz scheint sich gar nicht von drüben trennen zu können“, das Feuer zu schüren. Franz war ein ungelenker, steifer Geselle, seit er sich in seinem Umgang auf die zwei alten Leute beschränkte.

Er hatte sich auf den Sessel gesetzt, den ihm die Nachbarin angeboten hatte, und nachdem er, unbeholfen genug, seinen Dank für die geleistete Hilfe ausgesprochen hatte, versank er in ein bedrückendes Stillschweigen. Das junge Mädchen war zu schüchtern, um es zu unterbrechen. Im Hause ihrer Eltern, mit dem Rückhalt, den ihr deren gesicherte Lebensstellung gewährt, war sie heiter, lebhaft und gewandt gewesen; seit sie sich allein durchs Leben schlagen und von hochmütigen Kunden manche Demütigung hinnehmen musste, war sie gedrückt, zurückhaltend, und nur wenn sie freundlichem Entgegenkommen begegnete, schaute sie auf, und ihre ehemalige liebenswürdige Gesprächigkeit trat zu Tage.

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Beide hatten im ersten Augenblick nicht den günstigsten Eindruck von einander empfangen; Johanna hielt ihren Gast für hochmütig (das arme Kind war seit den trüben Erfahrungen, die sie gemacht, nur zu geneigt, diese Eigenschaft bei ihren lieben Nächsten vorauszusetzen), er dachte, sie wäre eine hübsche geist- und leblose Kaminfigur und blickte sehnsüchtig nach der Tür, im Stillen die Augenblicke zählend, bis er sich ohne Verstoß gegen die Schicklichkeit wieder empfehlen konnte. Nur Ivo fühlte sich wie zu Hause. Ihn würde der Glanz und die Hoheit eines Königshofes vermutlich auch nicht im Geringsten eingeschüchtert haben. Übrigens kam er nicht mit leeren Händen, das musste ihm jedenfalls einen freundlichen Empfang sichern.

„Da“, sagte er mit großer Wichtigkeit, die gelben und roten Blätter, die er auf dem Wege durch krampfhaftes Festhalten um ihre natürliche Form gebracht hatte, Johanna darreichend, „das alles gehört dir. Freust du dich?“

Es war wie eine Erlösung, die frische, helle, sorglose Kinderstimme in das drückende Schweigen hineinklingen zu hören. Kein Wunder, dass Johanna den kleinen Jungen umfasste, herzlich abküsste und auf den Schoß nahm. Weggewischt war alle Verlegenheit und Zurückhaltung, das junge bildschöne Kind, das sich so eng an sie schmiegte, dessen warmen Atem sie an ihrer Wange spürte, wusste nichts von Überhebung, wollte nicht verletzen. Mochte der steife Patron auf dem Sessel drüben mit sich zurechtkommen, wie er wollte, sie hatte ihren Zeitvertreib. Und nun kam sie ins Plaudern. Jedes Wort verriet das Mädchen von Bildung und Verstand, das sich in gemütvoller Herzlichkeit zu dem Fassungsvermögen des kleinen Burschen herablässt.

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Ihr silbernes Fingerhütchen, das sie selbst heute nicht abgelegt hatte, da sie trotz des Sonntags ein Kleid anzufertigen hatte, wurde nun ein undurchdringlicher Panzer, die spitzen Nadeln, Lanzen und Spieße, jeder Finger ein wackerer Ritter. Welch ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivos, der vor Spannung und Entzücken den Atem anhielt. Mit großen Augen sah Franz die Umwandlung, die mit dem Mädchen vorgegangen war, seit sie das Kind auf dem Schoß hielt. Von dem kleinen Medium konnte er ja auch Nutzen ziehen. Und nun entwickelte sich das anmutige Spiel, das die Großmama und ihren würdigen Gemahl mit so berechtigtem Unmut erfüllte. Sobald Ivo von Johannas Schoß herabgeklettert war und irgendeine fabelhafte Herrlichkeit auf dem Kamin des Parlors, der Johannas Hauswirten gehörte, zu bewundern, hielt sein Papa ihn an und begann ihm die Haare zurechtzustreichen, einmal in die Stirn und dann zur Abwechslung aus der Stirn.

Dabei sprach er durch ihn zu der Nachbarin.

„Du darfst das Fräulein nicht so belästigen, Ivo.“ Natürlich versicherte sie, er mache ihr keine Mühe. Dann erklärte ihm sein Papa auf das Nachdrücklichste, sie sei zu gütig gegen ihn, und er verdiene so viel Nachsicht und Freundlichkeit nicht. Darauf zog sie ihn wieder zu sich, um dem eitlen kleinen Burschen, der vor Freude hochrot im Gesicht wurde, ein dunkelblaues Band, das ihr von der Näherei übrig geblieben war, als Krawatte um den Hals zu knüpfen. Das erinnerte ihn an die Zeit, da Ivos Mutter kein größeres Vergnügen gekannt hatte, als das winzige Kind mit Schleifen und Bändern herauszuputzen. Das eine seiner Händchen haltend, sprach er von jenen schönen Tagen, sie fasste das andere und war ganz Mitleid für das Kind. Ivo hielt prachtvoll still in seiner Blitzableiterrolle, die den beiden über ihre Verlegenheit hinweghalf.

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Er ließ sich von Johanna die Bilder in der „Gartenlaube“ erklären und zeigte dann jedes dem Vater hinüber, eine sehr drollige Erläuterung in seiner Manier dazugebend. Und unvermerkt verstrich die Zeit. Hüben und drüben gab es mit jedem Viertelstündchen mürrischere Gesichter. Ivos Großeltern warteten, trotzdem ihre Essensstunde bereits vorüber war, mit der Sonntagstafel; dasselbe taten Johannas Hauswirte. Aber beide erschöpften sich dabei nicht gerade in Segenswünschen für die Schuldtragenden.

Endlich, als die Hausfrau ihr ältestes Töchterchen mit der Botschaft hereinschickte, die Familie könne nicht länger warten, erhob sich Franz, erstaunt und erschrocken über die ungebührliche Länge seines ersten Besuchs; aber das junge Mädchen war nun in die Freuden und Leiden seines Lebens eingeweiht, sie wusste von seinem kurzen Glück und der langen trostlosen Zeit, die demselben gefolgt war. Auch sie hatte mit ihren Mitteilungen nicht gegeizt. Beiden war es ein seltener Genuss, einmal zu einem wirklich teilnehmenden Ohr von dem eigenen Schicksal zu sprechen, und er kannte nun ihr Elternhaus, ihre friedliche sorglose Kindheit und die harten Schläge, die sie betroffen hatten, als wäre er ein alter Freund. Sprechen wir nicht von der Sonntagstafel. Hüben wie drüben hätte sie den beiden eigentlich durch die missmutigen Gesichter am Tisch vergällt werden müssen, aber sie bemerkten nichts davon.

Beide waren in Gedanken noch immer bei dem angenehmen Stündchen, beiden schien es, als sei ihnen etwas von ihrem alten Leben zurückgekehrt. Ivo vollends war unausstehlich. Wäre dies dem verwöhnten Enkelchen gegenüber nicht gar so unmöglich gewesen, die Großeltern hätten ihm vermutlich mehr als einmal barsch Schweigen geboten. Er wurde nicht müde, von der Tante zu sprechen; alles, was er drüben gesehen, war viel schöner als daheim, Großmutter besaß nur einen gewöhnlichen Fingerhut und nichts anderes, ihr Kuchen hielt keinen Vergleich mit dem aus, den ihm Johanna gegeben hatte, und eine solche Krawatte wie die, welche sie ihm umgebunden hatte, fand sich im ganzen Hause nicht vor.

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Auch fiel seine Begeisterung nicht so schnell in tote Asche zusammen, wie es sonst bei Kindern der Fall ist. Sobald ihn die Großmama des Morgens angekleidet hatte, wand er sich geschmeidig wie ein Aal aus ihren Händen, polterte die Treppe hinab und winkte ihr nach einigen Augenblicken, ahnungslos über ihren Verdruss vom Fenster gegenüber lachend zu. Selbst die betrübende Tatsache, dass er bei der neuen Tante artiger sein musste als daheim, dass die enge Stube mit dem angehäuften Nähgerät seinem Umhertollen nur ein sehr begrenztes Gebiet gestattete, dass er die Nähereien nicht verwirren und mit der Schere dem Aufputz und den Stoffen nicht nahe kommen durfte, wirkte nicht abkühlend auf seinen Enthusiasmus.

Der raue Wind mochte ihm den Aufenthalt auf der Straße verleiden, und ehe er sich bei den Großeltern langweilte, die in der Tat in ihrer mürrischen Verbitterung nichts mit dem quecksilbernen Jungen anzufangen wussten, trug er, mit so viel Geduld, als er aufzutreiben vermochte, die ungewohnten Zügel. Es wurde ihm nicht allzu schwer gemacht. Während Johanna flink die Finger rührte, bevölkerte sie für ihn das enge Stübchen mit all den trauten Gestalten des deutschen Märchen- und Sagenschatzes; er lauschte ihr in atemloser Spannung und verfiel nur selten auf eine seiner kleinen Teufeleien. War es jedoch einmal der Fall und sprach ihm Johanna ernst und eindringlich ins Gewissen, dann senkte er bußfertig den Lockenkopf und versprach volle Besserung. Selbst daheim hätten die Großeltern eine gewisse Milderung seiner wilden Sitten bemerken müssen, wenn sie dazu geneigt gewesen wären.

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Aber wenn Johanna sich mit dem Kinde Mühe nahm, so legte sie nur Fallstricke, um dessen verblendeten Vater zu fangen. Großmama nahm sich kein Blättchen vor den Mund, sie hielt mit ihrer Meinung über die Sirene nicht zurück; freilich erzielte sie mit ihren Anklagen ein gar sonderbares Resultat. Immer häufiger richteten sich Franzens Blicke auf das Fenster gegenüber, immer heller wurde seine Miene, immer mehr verschwand der Trübsinn aus seinem Blick. Sonst hatte ihm nichts solchen Verdruss erregt, als wenn er abends beim Nachhausekommen den Knaben nicht vorfand; jetzt schien es ihm ein besonderes Vergnügen zu machen, ihn von drüben abzuholen und dabei eine Viertelstunde mit der Nachbarin zu verplaudern. Großmama ging den ganzen Tag wie ein drohendes Gewitter herum, und ihr Gemahl glich mehr als je einer großen grauen Spinne, die auf eine unschuldige Fliege lauert. Zuletzt lief sie ihnen ahnungslos ins Garn.

Ivo hatte sich erkältet und musste das Bett hüten.

Mit der Hartnäckigkeit eines kranken Kindes verlangte er seine Tante Johanna. Großmama schleppte ihm Spielzeug und Näschereien ins Bett, aber nichts vermochte seine Gedanken abzulenken. Papa war früher als sonst aus seinem Geschäft gekommen und hörte noch vor der Zimmertür das Kind nach der Tante verlangen.

„Warum habt ihr sie nicht gebeten, herüberzukommen?“ fragte er arglos, „Fräulein Stirner ist die Gefälligkeit selbst und Ivo ihr besonderer Liebling. Sie wäre ohne Bedenken an sein Bettchen geeilt.“

„Das glaube ich“, versetzte Großpapa, „an Bedenken scheint die junge Dame überhaupt nicht zu kränken.“

Und „Ivo ihr Liebling“, rief höhnisch seine bessere Hälfte, „solche berechnende Geschöpfe haben für niemand eine Neigung als für sich selbst.“

Dem jungen Mann schwoll die Zornader auf der Stirn, aber er hielt an sich.

„Möchtet ihr nicht, schon nicht aus Rücksicht für mich, so doch euer graues Haar bedenkend, etwas weniger gehässig von einem Wesen sprechen, das unserem Kinde bisher nichts als die selbstloseste Freundlichkeit erwiesen hat? Nein, spottet nicht“, kam er, als sie sprechen wollten, ihnen zuvor, „ihr werdet mich sonst dadurch zu einem Schritt veranlassen, vor dem ihr mich bewahren wollt!“

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So hatte er noch nie gesprochen. Wenn sie ihn auch verdächtigten, er habe ihre tote Marie bereits vergessen, so hatte er bisher doch jeden Gedanken, ihr eine Nachfolgerin zu geben, kurz von der Hand gewiesen, bestürzt zogen sich die Verschworenen in die Wohnstube zurück, den Vater bei dem Kinde lassend. Er hätte, wenn er horchen gewollt, sie murren und grollen und Pläne schmieden hören können, aber jedenfalls flößte ihm Ivos Geplauder, in welchem das junge, blasse Mädchen von drüben beständig wiederkehrte, teils wegen des Gegenstandes, teils wegen des Sprechers mehr Interesse ein. Am nächsten Morgen hielt er das widerspenstige Kind durch das Versprechen, heute werde die Tante gewiss kommen und sich freuen, ihn so folgsam zu sehen, im Bettchen fest.

Bevor er das Haus verließ, teilte er den Alten mit, er wolle die Nachbarin herüberbitten. „Ich brauche euch wohl nicht zu erinnern, dass ich meines Sohnes beste Freundin in meinem Hause mit aller Rücksicht behandelt sehen will“, sagte er beim Abschied. Die Großmama nickte mit dem Kopf, aber nicht wie zur Bestätigung seiner Rede, sondern zu einer, die sie sich selber hielt. In gemeinverständliches Deutsch übersetzt, mochte es bedeuten: „O warte nur, du sollst sehen, wie ich mich vor deinen lächerlichen Drohungen fürchte!“ Und Großpapa goss nach seiner lieblichen Gewohnheit Öl ins Feuer. „Geh doch in die Küche, Kuchen backen für den seltenen Gast! Und vergiss die guten Tassen nicht, die Marie zur Hochzeit bekam. Unsere glatten, weißen sind nicht vornehm genug für die Nähmamsell!“

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Sie sahen noch, wie Franz über die Straße ging, drüben die Klingel zog und in das Haus trat. Großmama hatte Furcht, er werde das Geschäft versäumen, aber so verhängnisvoll war der Einfluss von „der drüben“ doch noch nicht geworden; nach ein paar Minuten trat er wieder auf die Straße hinaus, allerdings mehr aus dem Grunde, weil er das junge Mädchen vor ganzen Bergen von Arbeit überrascht hatte, als weil ihn sein geschäftliches Gewissen aus ihrer Nähe vertrieben hatte. Sie wollte die erste freie Minute benutzen, um nach dem kranken Ivo zu sehen. Sie hatte so besorgt nach ihm gefragt und wirklich erleichtert aufgeatmet, als sie erfuhr, seine Krankheit sei unbedenklich; ob wohl Großmama auch darin Zeichen von Berechnung zu entdecken vermöchte, fragte sich der junge Mann lächelnd.

Mit einem Freudengeschrei, das ihm gleich darauf einen tüchtigen Hustenanfall zuzog, begrüßte der Knabe seinen Gast. Bei seinem Entzücken übersah sie zuerst den kühlen Empfang, den ihr die beiden Alten zukommen ließen. Auch als sie sich über das geringe Vergnügen, das ihr Kommen in ihnen erregte, nicht länger täuschen konnte, war sie billig genug, einzusehen, dass Ivo, der um ihretwillen die Großeltern in der letzten Zeit ziemlich vernachlässigt hatte, ein wenig Eifersucht begreiflich machte. Unbehaglich wurde ihr nur zu Mute, als wirklich die bemalten Tassen zum Vorschein kamen und die beiden Alten sich mit säuerlichen Gesichtern zu dem an Ivos Bett gerückten Tisch niedersetzten. Oh, es entstanden keine solchen Pausen, wie bei dem ersten Besuch, den Franz ihr gemacht hatte!

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Großmama sprach unaufhörlich auf den Gast ein, und wenn sie, um Atem zu schöpfen, innehielt, dann fiel der alte Mann mit seiner krächzenden Stimme ein und machte irgendeine Bemerkung, die sich wie mit Widerhaken in Johannas Seele verfing. Ein ausgezeichnetes, ein exemplarisches Paar! Wovon konnte sie die Fremde unterhalten, wenn nicht von ihrer toten Tochter, die solch ein Musterbild aller Tugenden gewesen war: „ganz anders als die Mädchen, die man jetzt sieht, und die nur für den Putz und das Geldhinauswerfen geschaffen sind“, schnarrte der Alte mit einem Blick auf Johannas neumodischen, in Feierabendstunden mühselig zusammengeschneiderten Anzug dazwischen, dann wieder Großmama: „Was war Marie für eine Hausfrau, wie behaglich, wie angenehm wusste sie es ihrem Manne zu machen, und wie hingen die beiden auch aneinander!“ So ging es in einem Zug fort.

Die Geschichte von Franzens Glück, die sie einmal aus seinem Mund vernommen hatte, musste sie nun noch einmal hören, aber von den Lippen der Alten klang sie schier wie ein Vorwurf gegen ihn. Wie durfte er sich unterfangen, noch einmal lachen und fröhlich sein zu wollen. Großmama erließ ihr nichts; sie musste auch die ganze Krankheit und das Ende Maries mitmachen, Franzens Verzweiflung und das Versprechen, das er, wenn auch nicht gerade in Worten, geleistet hatte, ihr nie eine Nachfolgerin zu geben. Warum erzählte sie ihr dies, warum warf der tückische Greis höhnisch darein: „Und an dieser Tatsache werden alle mannstollen Glücksjägerinnen nichts ändern!“ Ihr zog sich das Herz zusammen. Ein ungeheures Mitleid mit Franz, dessen Hausgenossen, dessen einziger Verkehr mit der Welt sie waren, überkam sie. Die beiden Alten erinnerten sie, wenn sie sich so gegenübersaßen mit den nickenden boshaften Köpfen, an zwei chinesische Götzen.

Sie wäre um Ivos willen noch gern geblieben, aber das Pärchen ward ihr unheimlich, und sie erhob sich. Doch so leichten Kaufes ließen die Alten sie nicht los.

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Sie musste sich noch all die Opfer erzählen lassen, die sie für den Enkel gebracht hatten, sie musste sich noch in kaum nicht zu verstehender Weise andeuten lassen, dass man die Motive ihrer Freundlichkeit gegen das Kind, und warum sie es den Großeltern so häufig entziehe, ganz wohl verstehe. Kein Wort wurde gesagt, das sie als offenkundige Beschuldigung oder Unhöflichkeit deuten konnte. Nun ja, solch ein Kind lernt bei jungen Leuten leicht die alten vergessen: oder mit der biedersten Miene von der Welt „der kleine Ivo muss es entgelten, dass sein Papa eine gute Partie ist, was schleppt er nicht an Bändern und Süßigkeiten ins Haus!“

Johanna hatte ihm wiederholt erlaubt, sich die glänzenden Flitter, die ihm gefielen und die keinen Wert mehr hatten, nach Hause zu nehmen, auch einen und den anderen Leckerbissen ließ sie dem kleinen Naschmäulchen zukommen. Kaum konnte sie ihre Tränen zurückhalten, aber als sie auf ihre Stube gelangte, weinte sie lange und schmerzlich. Die Alten hatten in einer Hinsicht recht; Franz war ihr nicht gleichgültig geblieben; wie wäre dies auch möglich gewesen, da er der erste war, der dem alleinstehenden, verlassenen Mädchen mit menschlichem Anteil entgegengekommen war! Auch das Kind hatte sich ihr ins Herz gestohlen. Kaum wusste sie, ob sie den Vater um des Kindes willen, oder das Kind wegen seines Vaters liebe. Aber eigennützige Berechnung, ja selbst der Gedanke, er könne sie einmal als seine Frau, als Mutter seines Kindes in das verwaiste Haus führen, waren ihr fremd geblieben.

Was half ihr aber ihr reines Bewusstsein, wenn die bösen Alten, ja wenn vielleicht er selbst sie für eine selbstsüchtige Männerjägerin hielten. Sie hatte ihre Tränen kaum getrocknet, als ihre vierschrötige Hauswirtin an die Türe klopfte, um sich über die Unordnung zu beklagen, welche die herumfliegenden Fädchen und Läppchen von Johannas Schneiderei im Hause verursachten. Sie kam ihr eben recht. Fort aus der Straße, fort aus dem Hause, wo sie eine solche Verdächtigung, so bitteres Leid erfahren! Das war das Einzige, was ihr nach den Hornissenstichen des würdigen Paares übrig blieb. Sie kündigte.

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Kaum hatte die Hauswirtin das Zimmer verlassen, fing sie an, ihre Sachen zu packen. Mit höhnischem Winken und Deuten sahen sie die Alten drüben bei dem Geschäft; aber es wurde ihnen etwas weniger behaglich zu Mute, als Franz, auch heute früher als gewöhnlich heimkehrend, gleichfalls den offenen Koffer und das geschäftig hin- und hereilende Mädchen sah. Ivo hatte sich beklagt, die Tante sei so schnell fortgegangen, er habe ihr nicht einmal einen Kuss geben können. Und Franz wusste, dass die Alten irgendeine Miene gegraben hatten. Er nahm seinen Hut und eilte, ohne ein Wort zu sprechen, hinüber. Johanna hatte die Herbstblätter, die sie mit Wachs überzogen und in eine Vase gestellt hatte, von dem Kaminsims herabgenommen. Sie wollte sie wegwerfen; aber das Kind hatte ihr eine Freude machen wollen; es konnte nichts dafür, dass sie ihr vergiftet worden war.

Sie wollte sie in den Koffer legen zum Andenken, dass sie glücklich gewesen und zwei Menschen von Herzen lieb gehabt hatte. Da hörte sie Tritte auf der Treppe, die ihr das Blut ins Gesicht jagten, ein Pochen an der Tür, das ihr „Herein“ zittern, kaum vernehmlich klingen ließ. Franz trat ein. Mit einem Blick hatte er die Sachlage erfasst.

„Ich habe von drüben recht gesehen“, sagte er traurig, „Sie wollen uns entfliehen, meinem armen Knaben und mir?“ Sie wollte etwas antworten, aber da hatte er schon ihre Hand gefasst, und der wortkarge Mensch wurde förmlich beredsam:

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„Gehen Sie nicht von uns, Johanna! Sie haben mich wieder das Leben schätzen, meinen Knaben die vorsorglich lenkende Mutterhand kennen gelehrt. Bleiben Sie bei uns!“

Sie stand fassungslos.

„Ivos Großeltern haben mir die Deutung gegeben, wie die Welt von meinem harmlosen Verkehr mit Ihnen und Ihrem Kinde denkt“, sagte sie bitter. Sie wies auf die zusammengerollten Blätter. „Sehen Sie, so ist mein Inneres. Vor einer Stunde war noch alles frisch und grün, aber nun hat die Welt einen Herbstschleier angelegt, und ich fürchte, ich könnte nicht mehr unbefangen mit Ihnen sprechen, es ist zu vieles in mir welk und dürr geworden.“

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„Vergessen Sie, dass die alten Leute Sie beleidigt haben; sie sind grämlich, durch den Tod ihres einzigen Kindes verbittert. Aber sie werden meiner Frau die Achtung nicht versagen, und mit der Zeit, Johanna, gewinnst du auch ihre Zuneigung. Ich war nicht besser als sie, da ich dich kennen lernte, und bin durch dich verwandelt worden.

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So wird es, so muss es ihnen auch ergehen.“ Er fasste ihre Hand mit den Herbstblättern, die raschelnd, dürr zu Boden fielen, sie selber sank, erglühend wie eine Mairose, an seine Brust.

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