Max DauthendeyDas Giftfläschchen

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Das Giftfläschchen

Max Dauthendey

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Lauf: 2026-09-08 01:46BokRobot · Page 1 / 13

Berlin glühte in der Junisonne wie ein Feuerbrand. Die Dächer und Fenster zitterten vor Hitze, und die Straßen schienen von den Benzindämpfen der Autos wie von fliegenden Öfen aufgeheizt zu werden. Die Sonne stand unbeweglich über der Stadt und verwandelte jeden Tag in eine Qual.

Am Abend fuhr vom Stettiner Bahnhof ein Zug voller Skandinavier nach Saßnitz. Es war, als flöhen alle vor der deutschen Hitze. Selbst das prächtige Fährschiff, das nachts in vier Stunden von Saßnitz nach Trelleborg übersetzte, schien am Morgen in Schweden noch die Hitze Berlins mit sich zu führen.

Wir – die Frau, die ich liebe, und ich – wollten so schnell wie möglich in den kühlen Norden. Wir fuhren ohne Aufenthalt von Trelleborg an der Westküste entlang bis Strömstad, nur unterbrochen von einer kurzen Mittagspause in Göteborg. Am Abend um sieben Uhr erreichten wir das Ziel unserer ersten Reiseetappe. Der Fahrplan sagte mir: Zweiundzwanzig Stunden trennen mich von Berlin. Aber meine Augen sagten mir unterwegs: Jede Stunde ist wie ein Jahrtausend, und in Strömstad bist du zweiundzwanzig Jahrtausende von Berlin entfernt.

Kaum stieg ich am Ende der Bahnlinie aus, versank ich in diese Jahrtausende wie ein Meteor, der von einem fremden Stern fällt. Es waren nicht nur zwei Stufen vom Trittbrett zum Bahnsteig, sondern ich fühlte mich, als wäre ich zwanzigtausend Meilen tief in eine fremde Erde eingedrungen – mit fremdem Meer, fremdem Himmel und fremder Sonne. Ich kam nicht mehr los und ließ mich auf einer Insel im Meer nieder, wo ich neue Ohren wachsen ließ und so viele Augen hatte, wie ich sonst Haare auf dem Kopf trug. Mein Herz, das in Deutschland in alten Gewohnheiten eingekapselt gewesen war, begann zu fluten und zu lösen und wurde wie das Herz Adams an dem Tag, als Gott ihm das Paradies zeigte.

Die Insel, auf der ich saß und meine Reisepläne vergaß, hieß Koster.

Sie liegt im Kattegat und wird dreimal in der Woche von einem Dampfschiff angelaufen, das in einer Dreiviertelstunde von Strömstad kommt und die Post bringt. Doch selbst wenn die Post dreimal in der Woche kommt – für mich bleibt diese Insel für immer ein Punkt am Ende der Welt.

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Schon am Ende der Welt angekommen zu sein, nachdem man noch zweiundzwanzig Stunden vorher in Berlin die Autos rasen sah, das ist verblüffend und erstaunlich. Ich habe mir vorgenommen, ein ganzes dickes Buch über diese Insel zu schreiben. Aber mit dieser kleinen Erzählung will ich euch nur den Mund wässerig machen auf dieses Fleckchen am Ende der Welt, auf diese Insel, dieses Kopfkissen aller Seligkeit. Ob mein Buch einmal „Die Königstöchter von Koster“ heißen wird, „Die Insel der heiligen Kühe“, „Wilde Rosen, Wacholder und Urgestein“ oder „Die Insel am Ende der Welt“, weiß ich heute noch nicht genau. Die Titel verrate ich nur, weil sie andeuten, was dort zu finden ist für jeden, der ein Billett nimmt und in zweiundzwanzig Stunden von Berlin in die Urzeit fährt.

Stellt euch meine Insel vor. Nachdem wir in Südschweden zunächst weite Kornfelder und grüne Wälder gesehen hatten, in denen Buchen und Eichen nah am Meer ihren Duft verbreiteten, verließ uns plötzlich die weiche Erde. Statt der runden Buchenwälder wuchsen runde Granithügel, und nur noch Tannen, Birken und Eichen blieben am Weg. Buche, Ahorn, Pappel, Nussbaum und Kastanie verloren den Atem vor dem Granit, der von rostroten Eisenadern durchzogen war. Das Land war dort mit Granit gepanzert, und hinter Göteborg begann eine Steinzone, wie sie kein Deutscher sich vorstellen kann – nicht in den Alpen, nicht im Riesengebirge. Selbst auf meiner Reise um die ganze Erde vor fünf Jahren bin ich nie einer so grotesken Steinwelt begegnet wie der zwischen Göteborg und Strömstad. Am Meer ist der unterhaltsamste Ort die Station Fjellbacka, die nur eine Schiffsstation ist.

An der Eisenbahn aber ist es der Umkreis um Tanum: Hier ist die Steinwelt so furchtbar, dass das Land nicht mehr von Menschen, Tieren, Vögeln oder Bäumen, sondern von gigantischen blauen und grauen Granitfiguren bevölkert zu sein scheint.

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Das Meer, das vor Jahrhunderten noch in das Land hineinreichte, hat das Steinreich durch ewige Waschungen in ein Figurenreich verwandelt. Die gerundeten Felsen gleichen bald riesigen versteinerten Walrossen, bald kilometerlangen Herden von Mammuts oder Elefanten. Dazwischen liegen Schichten versteinerter Urweltbäume, manche scheinen meilenlang. Die Totenstille, die dieser blaugraue Granit ausstrahlt, kann sich kein Ohr vorstellen, das nur Gebirge, Felder und Wälder kennt.

Hier und da stehen eine Holzhütte, ein zwergenhafter Baum oder ein winziges Fleckchen Rasen wie verloren zwischen den grauen Granitungeheuern. Das graue Land scheint wie mit einer eisernen Rüstung voller Buckel bedeckt. Und wo die Bahn den Granit mit Dynamit gesprengt hat, wirkt der Mensch im Vorbeifahren wie eine Ameise, die einen riesigen Block nur ein wenig zur Seite gerollt hat, während das Dynamit wirkungslos verraucht ist. Der Gedanke kommt einem, dass es kein Zufall ist, dass in Schweden, dem Granitland, Nobel, der Erfinder des Dynamits, geboren wurde. Dieses Stein- und Eisenland von ursprünglicher Kraft forderte das menschliche Gehirn direkt dazu auf, dem Steintrotz einen Menschentrotz entgegenzustemmen.

Ebenso steinig wie der Küstenstreifen sind auch die Inseln, die Schären. Die Insel Koster ist eine der letzten großen Schären im Norden, bevor das Meer die Kristiania-Bucht einschneidet. Diese Steininseln und der Steinlandstreifen waren einst die Heimat der alten Wikinger. Hier gibt es noch Inschriften, Runensteine und bei Strömstad auf einem Hügel das berühmte steinerne Wikingerschiff.

Auf Koster gibt es in den Talsenkungen einige Bäume: Erlen und kurze Eichen. Die ganze Insel wirkt durch ihre seltsamen Zwergbäume, Zwergeichen und Zwergwacholder, die in gedrungenen grünen Formen auf dem manchmal himmelblauen Granit wachsen, zwergenhaft wie die Landschaft eines japanischen Gartens.

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Zwischen dem Heidekraut und den reichen wilden Rosenbüschen, die im Juni ganz überschüttet von rosa Blüten dastanden, liegen die seltsamsten Steine verstreut: blendend weiße wie große Marmoreier, gelbe wie harte Honigbrocken oder Bernstein, rosarote wie Fleischkeulen, schwarze flache wie Rabenflügel oder runde wie Seehundköpfe. Hinter den Wacholderfiguren und unter den schirmartigen kurzen Eichen, deren Kronen flach wie grüne Teller auf Stämmen wachsen, von Seewinden wie mit einem Messer beschnitten, weiden glänzende rothaarige Kühe und schwarz-weiß gesprenkelte Kühe, als hätten sie sich von der Nacht mit dunklen Flecken und vom Mond mit weißen Flecken bemalen lassen, mit gelben und roten von der Sonne.

Diese wandernden Kühe, auf der stillen Insel zwischen den Steinen, die wie Fleisch oder Himmel aussehen, ziehen umher im Feuerblau des Meeres, zwischen den grünen Sonnenflecken unter den Eichen, zwischen den rosa Rosenbüschen und im Weihrauchgeruch der Wacholder – wie vierbeinige kauende Götzenbilder. Tagsüber fressen sie alle in eine Richtung gewandt, den Sonnenschein zwischen den Hörnern auf der Stirn, während hinter ihnen die silberweißen Möwen im indigoblauen Junihimmel kreischen. In den Sommernächten, in denen die Sonne kaum eine Viertelstunde um Mitternacht untergeht, liegen die Kühe draußen unter den Eichen, alle mit der Stirn nach Osten gerichtet, und bilden in der lauen Dämmerung einen schwarz-weißen Hermelinteppich.

Kleine Hütten sind überall verstreut. In einer bei einem großen Getreidefeld wohnt der König von Koster. Es ist der älteste und reichste Fischer, und er hat fast die ganze Insel mit seinen Söhnen und Töchtern bevölkert. Die Königstöchter waschen, bügeln, mähen Gras und Korn, melken die Kühe und singen abends. Die Königssöhne spielen abends auf Geigen und Mundharmonikas, nähen tagsüber Fischernetze, fahren Mist, fischen Hummer, Makrelen und Dorsche, drehen Taue und teeren sie; im Winter ziehen sie nach Göteborg zum Heringsfang.

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Manche Fischer wurden Kapitäne auf Fracht- und Passagierdampfern an der Steinküste, andere Matrosen und fuhren um die Erde. Andere wanderten nach Amerika aus, um in Klondike Gold zu holen, kamen aber statt mit Gold mit amerikanischen Zeitungen in den Taschen zurück und gingen wieder zu ihren Hummerkästen und Angeln.

Aber so weit die Bewohner von Koster zurückdenken können, hat es auf der Insel nie einen Diebstahl oder gar einen Totschlag gegeben. Niemals hat ein Gericht oder ein Polizist dort etwas zu tun gehabt. Die Menschen der Insel sind unschuldig wie am ersten Tag der Schöpfung.

Das muss man wissen, um die winzige Geschichte von dem winzigen Giftfläschchen zu verstehen.

Es war kurz nach Johanni, als das große Makrelenboot abfuhr, um die jungen Leute von Koster und den umliegenden Inseln in die Nordsee zu bringen, wo sie bis zum Herbst bleiben würden. Dieser Tag war der wichtigste Sommertag: der Abfahrtstag des Makrelenbootes.

Als das große Boot mit seinen rotbraunen Segeln wie eine riesige Pflugschar hinter der Insel verschwand, schwammen im Hafen ein Dutzend Ruderboote, in denen ein oder zwei Frauen saßen, die ihre Schürzen vors Gesicht hielten und weinten – Frauen, die ihre Männer fortschwimmen sahen, Bräute ihre Bräutigame, Mütter ihre Söhne.

Das ganze weibliche Königsgeschlecht von Koster saß auf dem Wasser und weinte, und auf den blauen Granitklippen standen einige Hofhunde und bellten den Fortziehenden nach, während neben den weinenden Frauen andere Hunde bellten, bis die Luft voller Schluchzen und Bellen war.

Illustration for Das Giftfläschchen

Da trat ein älterer Mann auf mich zu, den alle den „Heiden“ nannten, weil er schrecklich fluchen konnte und seit Jahren nie bei einer Kirchenversammlung gesehen worden war. Er war früher Kapitän gewesen und hatte zwei Dampfschiffe verloren. Er reichte mir ein kleines Fläschchen mit einem zusammengefalteten Zettel. Sein Gesicht war blaurot, sein grauer Spitzbart trotzig kurz geschnitten. Er trug seinen guten blauen Sonntagsanzug und eine alte Kapitänsmütze mit goldener Borte.

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„Sir“, sagte er, denn er sprach gern englische Brocken, um seine Weltgewandtheit zu zeigen – er mischte seine Rede immer mit „Well“ und „Allright“ und verabschiedete sich nie ohne „Goodbye“. „Sir, ich habe das gefunden“, sagte er und drückte mir das Fläschchen aufdringlich in die Hand, als wäre es mir eben aus der Tasche gefallen. Dann stapfte er breitbeinig davon.

„Ich habe das nicht verloren“, rief ich ihm nach. Aber er schaute nicht zurück und stolperte über die Granithügel und das Heidekraut, und ich sah nur seinen breiten, ungeheuren Rücken, der so viereckig war, als trüge er eine große Schiefertafel unter dem Rock.

Auf dem Zettel, den er mir gegeben hatte und auf dem noch der Abdruck des Fläschchens zu sehen war, stand mit vergilbter Tinte das Wort „Gift“, dreimal unterstrichen, und dann:

„Zehn Tropfen erregen die Sinnlichkeit (es war ein derberes Wort, das ich hier nicht wiedergeben kann). Zwanzig Tropfen bringen den Wahnsinn, und jeder Tropfen darüber – den Tod.“

Ich betrachtete das Fläschchen verblüfft. Es war zur Hälfte mit einer gelblichen Flüssigkeit gefüllt und mochte etwa vierzig Tropfen enthalten.

Da stand ich also mitten auf der großen unschuldigen Steininsel, umgeben von der Fröhlichkeit des Sommerhimmels und der Festlichkeit des blauen Meeres. Ich sah die unschuldigen, scheckigen Kühe mit ihren vollen Eutern über das Heidekraut gehen und friedlich Rosenlaub, Eichenlaub und Kräuter fressen – Kühe so gutmütig wie die Güte der Erde selbst. Ich hörte die Bienen und Hummeln, die summend über die Blüten des Heidekrauts schwebten, und sah sie Honig sammeln, Sonnensüße für den Winter. Und ich wusste: Auf dieser Insel war nie eine böse Tat begangen worden, man kannte weder Gefängnis noch Gericht noch Niedertracht. Und ich hielt plötzlich ein furchtbares Gift zwischen den Fingern – eine kleine Hölle von vierzig Tropfen. Damit konnte ich Selbstmord begehen oder Mord. Ich schaute auf die weinenden Bräute und jungen Frauen, die in den Booten langsam zum Ufer ruderten, verlassen von ihren Männern.

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Hier konnte ich Unheil stiften, konnte blindlings den Verführer spielen. Ein paar Tropfen in ein Glas Milch oder einen Teller Suppe hätten die züchtigen Fischermädchen in rasende, gierige Furien verwandeln können. Ich schauderte vor diesen ekelhaften Gedanken, die mir das Fläschchen aufzwang, und wunderte mich über mich selbst. Hier, am Ende der Welt, so weit entfernt von der Kultur und dem Trubel Europas, wo Abenteuer, Morde und Selbstmorde die Zeitungen füllten – wie kam dieses Gift hierher, auf diese unschuldige Erde?

Die Geschichte des Fläschchens war die:

Der alte Kapitän erzählte sie mir erst nach einigen Tagen, als ich ihn zufällig traf – in einer Hütte, wo man einen jungen Mann eingesperrt hielt, der plötzlich tobsüchtig geworden war. Man sagte, er hätte auf offener See einen Sonnenstich bekommen, und einige Männer, die nicht mit dem Makrelenboot gefahren waren, mussten abwechselnd Wache halten, denn die Gemeinde hatte sich noch nicht entschieden, den Wahnsinnigen in ein Krankenhaus zu bringen. Ich hatte nichts von dem Geheimnis gewusst und fand die Hütte zufällig bei einem Spaziergang.

Dort war auch der alte Kapitän, der Wache hatte, weil er, wie man sagte, „feste Handschuhe anhabe“, also kräftige Fäuste. Seit dem Makrelenboottag hatte ich ihn oft besucht und nie zu Hause gefunden. Jetzt nahm ich ihn beiseite und verlangte, die Herkunft des Fläschchens zu erfahren.

Nach vielem unverständlichem Gemurmel sagte er, er habe die Flasche „gefunden“ – aber das sei schon etwa dreißig Jahre her. Er fand sie in der Kabine eines Dampfers, den er gekauft hatte und der dann gestrandet war. In einem Geheimfach des Bücherschranks stand das Fläschchen, in Papier gewickelt. Und er versicherte, er habe nie einen Tropfen daraus vergossen. Ich glaubte ihm.

Wir saßen auf zwei Steinen im Heidekraut. In der Nähe rannte eine schwarze, angebundene Ziege, schwarz wie des Teufels Großmutter, meckernd hin und her. Obwohl es schon Abend wurde und die Kühle des Meeres sich mit der Wärme der Steine mischte, wischte sich der Alte beim Erzählen immer wieder den blauroten Schweiß von der Stirn.

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Seit ich das Fläschchen in der Hand hatte, konnte ich mich nicht entschließen, es ins Meer zu werfen, an einem Stein zu zerschellen oder zu öffnen und auszuschütten. Hundert Gedanken gingen mir durch den Kopf: Welches Unglück konnte anrichten, wenn das fest verschlossene Fläschchen im Meer trieb und in einem Fischnetz oder Hummerfalle landete? Oder wenn beim Zerschellen der Inhalt herumspritzte und auf Beeren oder Kräuter fiel, die Kinder sammelten? Ins Feuer werfen? Vielleicht würde es nicht brennen und in der Asche gefunden. Vergraben? Unzuverlässig. Ich konnte es nicht einmal mehr in meinem Zimmer oder Koffer lassen. Seit ich das Gift besaß, lebte ich nicht mehr mein eigenes Leben; ich war wie ein Wächter, der einen Tobenden bewacht. Ich war nicht mehr harmloser Beobachter, sondern trug wie ein Zauberer geheimnisvolle Kräfte in der Tasche, fühlte mich dämonischer Willkür ausgeliefert.

Illustration for Das Giftfläschchen

Ich war nicht mehr ich selbst, sondern der Sklave dieses Fläschchens. Nachts schrie ich im Traum auf und träumte von Gift und Mord.

„Dreißig Jahre“, sagte der Kapitän, „habe ich das Fläschchen mit mir getragen und konnte es nicht loswerden. Jahre hatte ich Lust, es zu behalten, Jahre, es zu vernichten. Mein ganzes Leben ist davon gelenkt worden. Bald fühlte ich mich übermütig und mächtig durch den Giftbesitz, bald unheimlich verfolgt. Die Leute nennen mich seitdem den ‚Heiden‘.“

Ich verstand den alten Mann. Ich war in drei Tagen mir selbst fremd geworden und hätte das Fläschchen um keinen Preis hergegeben.

Als der Alte fragte: „Was haben Sie mit dem Giftfläschchen getan?“, log ich mitten im Sonnenschein, zwischen den Kühen, umgeben vom blauen Meer: „Ich habe es fortgeworfen“, sagte ich, damit er es nicht zurückfordern konnte.

Aber was wollte ich damit? Ich wollte es doch loswerden! Warum gab ich es ihm nicht zurück? Warum warf ich es ihm nicht vor die Füße? Ich fühlte das viereckige Fläschchen in meinem weißen Sommeranzug drücken und fasste ängstlich nach meiner Westentasche. Von diesem Tag an wich ich dem Kapitän aus, damit er nicht nach dem Fläschchen fragte.

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Inmitten der Herrlichkeit dieses Sommers 1910, auf der Insel am Ende der Welt, die nie Schuld oder Niedertracht kannte, trug ich diesen Ekelfleck mit mir herum. Täglich wünschte ich, das Gift zu behalten, und täglich, es loszuwerden.

Ein nordischer Sommer ist schnell vorbei, schnell abgekühlt. Schon ein paar Wochen nach Johanni, wenn die Nächte wieder dunkel werden und die Wiesen und Kornfelder abgemäht sind, sieht alles wie aus verblasstem grünem Papier aus. Die Kühe werden in die Ställe getrieben, und Stille, Langeweile und Leere kehren ein. Die Hütten versinken abends im Nebel, und weiße Möwen laufen auf den abgemähten Wiesen umher wie ein Vorschein des frühen Schnees.

Oft habe ich morgens vor Sonnenaufgang gelauscht, denn ich bin Bayer und gewöhnt an Glockenläuten. Aber nichts regte sich. Es gab auf der Insel keine Kirche, keine Glocke. Kinder mussten zur Taufe mit Kähnen auf andere Inseln gebracht werden, und Brautpaare und Tote warteten oft tagelang auf guten Wind, um zur Hochzeit oder zum Grab zu gelangen.

Die Insel Koster lag glockenlos unter der großen blauen Glocke des Himmels, und der „Heide“, der alte Kapitän, hatte recht, wenn er einmal im Laden dröhnend auf den Tisch schlug und rief: „Was brauchen wir hier Christentum! In alter Zeit waren wir Heiden und Helden. Jetzt ist uns das Heldentum verboten, aber Heiden sind wir immer noch. Wir zahlen unsere Steuern, und die Sonne scheint nicht schöner, ob wir Christen oder Heiden sind. Makrelen und Heringe lassen sich so gut fangen von Heiden wie von Christen.“

Und das stämmige Königsgeschlecht lächelte gutmütig über seinen Urahn, den Kapitän.

Hier war der Sommer früher zu Ende, als man in Deutschland glauben mag. Anfang August sahen die Frau, die ich liebe, und ich mit Frösteln, wie schnell die nordische Sonne müde wurde. Eine große Sehnsucht nach neuer Sonne wachte jeden Morgen mit uns auf.

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Frauen, die sich geliebt fühlen, fassen entschlossene Entschlüsse. So sagte meine Geliebte eines Tages: „Wir wollen nach Italien. Dort ist noch Hochsommer. Für Lappland ist es zu spät, und wir würden nur den Eindruck von Koster verwischen. Schweden ist zu schön, um es in einem Sommer flüchtig zu durchreisen. Wir müssen den Süden als Kontrast sehen.“

Ich deutete schwerfällig auf den Koffer mit den Wintersachen und fragte: „Sollen die ganz umsonst hierher gewandert sein?“

Doch sie sagte hartnäckig, weil sie meine Sehnsucht kannte: „Wenn du so viel Respekt vor Koffern hast, möchte ich sie gleich ins Meer versenken.“

„Gerade so wie ich mein Giftfläschchen“, entfuhr es mir. Und nun musste ich ihr die ganze Geschichte erzählen – von dem Fläschchen, das mich wie ein Dämon quälte und den Kapitän dreißig Jahre lang gefoltert hatte.

„Das ist ein neuer Grund“, rief sie erfinderisch. „Ich sehe, wir werden dieses Fläschchen ebenso wenig los wie der Heide. Aber ich will deine Liebe nicht mit einer Giftflasche teilen. Wir müssen nach Rom und das Gift an der einzigen Stelle der Welt abliefern, wo es hingehört und keinen Schaden anrichtet.“

„Ja, wenn in Rom noch die alten Römer lebten“, meinte ich. „Aber dort sind nur Ruinen.“

„Dort ist der heilige Vater! Seiner Heiligkeit drückst du einfach das Fläschchen in die Hand, so wie es der Kapitän dir gegeben hat.“

„Liebende Frauen sind weise Frauen“, sagte ich. Und während sie die Koffer packte und italienische Lieder sang, reiste ich in sechzig Stunden von Strömstad nach Rom, immer das Giftfläschchen in der Westentasche betastend.

Illustration for Das Giftfläschchen

Als ich in Rom dem Papst das Fläschchen gab, wie die weise Frau mir geraten hatte, lächelte Pius und sagte verständnisvoll: „Das macht nichts, das kommt öfters vor.“

„Natürlich“, sagte ich eilfertig. „Darf ich fragen, was Sie damit anfangen werden?“

„Das stellen wir zu den andern“, nickte der Papst. Und Kardinal del Val, der bei der Audienz zugegen war, nickte ebenfalls: „Das stellen wir zu den andern.“

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Das Gespräch fand in den vatikanischen Gärten statt, die mir mit ihren regelmäßig gestutzten Taxushecken etwas pedantisch vorkamen – mir, der ich gerade von der Insel der heiligen Kühe kam, aus dem Land der Steine, des Wacholders und der wilden Rosen, von der schwedischen Heideninsel, wo die Sonne täglich gefeiert hatte, wo das Meer wie eine Glocke läutete und die Fischer so arm, bescheiden und ehrlich waren wie Petrus und die Apostel am See Genezareth.

„Und Sie sind auch um die Erde gereist?“, fragte der Kardinal. „Sie haben einen amerikanischen Bischof getroffen, der von allen Göttern der Welt ein Bild mit nach Philadelphia nahm? Der ganze Vatikan hat den Winter über ‚Die geflügelte Erde‘ studiert. Wenn die sündige Erde wirklich voller schöner Wunder ist, dann gibt uns das viel zu denken.“

„Oh“, rief ich aus, „wenn Sie nur das gelesen haben, dann haben Sie noch nicht vom Schönsten gehört, was ich gesehen habe!“

Der Papst hatte sich auf ein Stühlchen gesetzt, das die Schweizergarde herangeschoben hatte. Er hielt immer noch mein Giftfläschchen zwischen den Fingern, obwohl der Kardinal es ihm öfters abnehmen wollte. Er hielt es gegen die Sonne und fragte: „Wie viel Gifttropfen sind darin und wie wirken sie?“

Ah, dachte ich, dem Papst geht es wie dem Heiden auf Koster – er will das Fläschchen nicht mehr hergeben. Und obwohl ich vom Schönsten der Welt erzählen wollte, hatte er nicht zugehört, sondern an das Gift gedacht.

Der Kardinal beantwortete die Fragen über das Gift – er hatte ein scharfes Gedächtnis und behielt alles, was ich ihm vorher gesagt hatte. Dann fragte der Papst schwärmerisch: „Was gibt es Schöneres in der Welt als Rom?“

„Die Insel Koster“, sagte ich prompt. „Dort würden Eure Heiligkeit sich einmal von allem Glockengeläut erholen.“

Der Kardinal ließ sich ebenfalls ein Stühlchen bringen, und die beiden saßen mir gegenüber – der Papst in seinem weißen Gewand, der Kardinal in Scharlach. Ich dachte: Wenn nur die Frau, die ich liebe, jetzt hier wäre, sie könnte mir helfen. Denn mit dem Glockengeläut hatte ich wohl etwas Falsches gesagt.

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Ich fuhr fort: „Die Insel Koster, obwohl sie keine Kirche und keine Glocken hat, ist der unschuldigste Ort der Welt. Dort gab es nie eine Lüge, nie Diebstahl, nie Mord; nie musste ein Gericht oder die Polizei kommen. Die Menschen dort sind die reinsten Heiden“, platzte ich heraus, weil mich die hochnäsigen Gesichter ärgerten.

Meine Worte schienen gut zu wirken, denn der Papst lächelte den Kardinal an, und der Kardinal lächelte zurück.

Dieses Lächeln stieg über die Taxushecken, über die Palmen und die weißen Terassengeländer hinauf in den blauen römischen Himmel.

Der Papst hob das Fläschchen wieder ans Licht, das zusammen mit seinem großen Ring am Daumen funkelte. Die Macht des Siegelrings traf mein Auge zugleich mit dem Schillern des Glases. Ich verstand nicht sofort, dass diese Geste meine schöne, unschuldige Insel beleidigen sollte.

„Menschliches Gift kann lange im Verborgenen leben“, sagte der alte Mann mit den blassen Wangen und Augen, die mir plötzlich lebensmüde in dem schwülen Garten erschienen. „Lieber Dichter, habt ihr nicht dieses Gift von jener Barbareninsel gebracht?“, klang es ironisch.

„Ja“, sagte ich eifrig, „aber das Gift kam von der Welt dorthin. Jetzt ist kein Tropfen mehr dort. Ich habe alles Gift Eurer Heiligkeit gebracht, direkt nach einer Sechzigstundenfahrt, damit Ihr es aus der Welt schafft.“

„Mein Lieber“, sagte die weiße Gestalt, die aufstand, und ihre Lippen holten tief Luft, als wollten sie eine große Wahrheit sagen. Ich dachte schon: Nun wird er sagen: Nichts kann das Gift aus der Welt schaffen, nicht der Papst, nicht der Dichter, nicht Christen, nicht Heiden.

Illustration for Das Giftfläschchen

Aber nein – Pius reichte mir nur die Hand zum Abschiedskuss und deutete auf das Fläschchen: „Mein Lieber, wir werden es zu den andern stellen.“

„Wenn das nur kein großes Unglück anstiftet“, sagte später die Frau, die ich liebe. „Das kann nicht gut sein, wenn man im Vatikan ein Giftfläschchen zum andern stellt. Der Kapitän auf Koster ist ganz wild davon geworden, und die Leute nannten ihn einen Heiden. Wenn nur nicht der ganze Vatikan von dem Kostergift wild wird!“

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Und wirklich hatte die vielgeliebte Frau wieder recht. Ein paar Wochen später begann die Geschichte mit den Modernisteneiden, und seitdem fliegen die Bannflüche wie Giftpfeile aus dem Vatikan über die Alpen.

„Das kommt davon“, sage ich zu meiner Frau, wenn ich die Bayerische Landeszeitung aus der Hand lege, „dass der Papst als Ratgeber nur Kardinäle und keine Frau hat. Die Liebe einer Frau rät besser als alle Kardinäle.“

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