Jacob Grimm and Wilhelm GrimmDer singende Knochen

BokRobot reading edition

Books

Free

Der singende Knochen

The Singing Bone

Jacob Grimm and Wilhelm Grimm

Fairy tale · 10 pages
Lauf: 2026-08-01 07:45Page 1 / 5

Es war einmal in einem gewissen Land große Trauer, denn ein wilder Eber verwüstete die Felder der Bauern, tötete das Vieh und riss den Menschen mit seinen scharfen Hauern die Leiber auf. Der König versprach eine große Belohnung demjenigen, der das Land von dieser Plage befreien könnte. Aber das Tier war so riesig und stark, dass niemand wagte, sich dem Wald zu nähern, in dem es lebte. Endlich ließ der König bekanntmachen, dass derjenige, der den wilden Eber fangen oder töten könnte, seine einzige Tochter zur Frau bekommen sollte.

Illustration for Seite 1

Nun lebten in jenem Land zwei Brüder, Söhne eines armen Mannes. Sie sagten, sie wollten die gefährliche Aufgabe versuchen. Der ältere Bruder, der klug und listig war, bot sich aus Stolz an. Der jüngere Bruder, der unschuldig und einfältig war, bot sich aus Güte an. Der König sagte: „Damit ihr das Tier sicher findet, müsst ihr von gegenüberliegenden Seiten in den Wald gehen.“ So ging der ältere Bruder von der Westseite hinein und der jüngere von der Ostseite.

Page 2 / 5

Als der jüngere Bruder ein Stück gegangen war, trat ein kleines Männlein zu ihm. Es hielt einen schwarzen Speer in der Hand und sprach: „Diesen Speer gebe ich dir, weil dein Herz rein und gut ist. Damit kannst du den wilden Eber kühn angreifen, und er wird dir nichts anhaben können.“

Der jüngere Bruder dankte dem Männlein, legte den Speer auf seine Schulter und ging furchtlos weiter. Schon bald sah er das Tier, das auf ihn losstürmte. Aber er hielt ihm den Speer entgegen, und in seiner blinden Wut rannte der Eber so heftig gegen den Speer, dass ihm das Herz entzweigespalten wurde. Da hob der jüngere Bruder das Untier auf seinen Rücken und trug es heimwärts zum König.

Page 3 / 5

Als er auf der anderen Seite des Waldes herauskam, stand da am Eingang ein Haus, wo die Leute sich mit Wein und Tanz vergnügten. Sein älterer Bruder war dort hineingegangen, weil er dachte, der Eber werde schon nicht weglaufen, und er trank, bis er sich mutig fühlte. Aber als er seinen jüngeren Bruder aus dem Wald kommen sah, der den toten Eber trug, ließ ihm sein neidisches, böses Herz keine Ruhe. Er rief: „Komm herein, lieber Bruder, ruh dich aus und trink einen Becher Wein!“

Der jüngere Bruder, der nichts Böses ahnte, ging hinein und erzählte ihm von dem guten Männlein, das ihm den Speer gegeben hatte, und wie er den Eber getötet hatte.

Page 4 / 5

Der ältere Bruder hielt ihn dort bis zum Abend fest. Dann gingen sie gemeinsam fort, und als sie in der Dunkelheit zu einer Brücke über einen Bach kamen, ließ der ältere Bruder den anderen zuerst gehen. Als der jüngere Bruder auf der Mitte der Brücke war, schlug ihn der ältere Bruder so heftig von hinten, dass er tot umfiel.

Er begrub ihn unter der Brücke, nahm den Eber und trug ihn zum König, wobei er vorgab, er habe ihn getötet. So bekam er die Königstochter zur Frau. Und als sein jüngerer Bruder nicht zurückkam, sagte er: „Der Eber muss ihn getötet haben,“ und alle glaubten es.

Page 5 / 5

Aber nichts bleibt vor Gott verborgen, und auch diese böse Tat sollte ans Licht kommen. Jahre später trieb ein Hirte seine Herde über die Brücke. Da sah er unten im Sand ein schneeweißes Knöchlein liegen. Er dachte, es würde ein gutes Mundstück für sein Horn abgeben, also kletterte er hinunter, hob es auf und schnitzte es zu einem Mundstück. Aber als er zum ersten Mal hineinblies, begann das Knöchlein von selbst zu singen:

„Ach, Freund, du bläst auf meinem Knochen! Lang hab' ich gelegen am Wasser.

Mein Bruder schlug mich tot für den Eber und nahm des Königs junge Tochter zur Frau.“

„Was für ein wunderbares Horn!“ sagte der Hirte. „Es singt ganz von selbst! Das muss ich meinem Herrn, dem König, bringen.“ Und als er zum König kam, sang das Horn wieder sein kleines Lied. Der König verstand alles und ließ die Erde unter der Brücke aufgraben. Da wurde das ganze Gerippe des Ermordeten offenbart. Der böse Bruder konnte die Tat nicht leugnen und wurde in einen Sack genäht und ertränkt. Aber die Gebeine des Ermordeten wurden in einem schönen Grab auf dem Kirchhof zur Ruhe gelegt.

Illustration for Seite 5
BokRobot

BokRobot

BokRobot brings together books and fairy tales to read and explore. Discover a growing collection, or create books and fairy tales of your own.

More books you might like