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Psychology of the Unconscious: A Study of the Transformations and Symbolisms of the Libido. A Contribution to the History of the Evolution of Thought
C. G. (Carl Gustav) Jung
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Seite 1
»Bleibt fest in der Freiheit«, sagt Paulus, und damit ist der Ton für eine lange, seltsame Reise durch Bilder, Träume und Geschichten gesetzt. Jung sagt, die großen Zeichen der Religion entstehen nicht aus dem Nichts. Sie entspringen einer tiefen Kraft im Menschen – einer Sehnsucht, die uns bindet und zugleich befreit. Im Johannesevangelium begegnen uns zwei Städte als Zwillingsbilder: Babylon, die wilde und zerstörerische, und Jerusalem, die reine und herabsteigende. Jung meint, die beiden seien eigentlich zwei Gesichter derselben Urfigur: der Mutter. Die eine lockt uns zurück ins Dunkel, die andere entlässt uns ins Licht. Wenn die Mutter sich als Stadt, Meer, Quelle und Ruine verbirgt, ist das bereits eine Verwandlung. Die gebundene Sehnsucht, die in ihrer ersten Bewegung zur Mutter zurück will, wird in Bilder übertragen, die die Sprache tragen und eine Kultur teilen kann.
Der Mensch erkennt sich selbst in diesen Bildern wieder und spürt, dass seine inneren Kämpfe und Träume nicht isoliert sind, sondern Teil einer gemeinsamen Erzählung, die durch die Zeiten fließt.

Seite 2
Zwei Zeichen kehren fast überall wieder: Wasser und Baum. Der Fluss, der vom Thron Gottes und des Lammes fließt, und der Baum des Lebens, der jeden Monat Frucht trägt und dessen Blätter den Menschen heilen. Aus Wasser kommt Leben. In Bäumen ruhen Geschlecht und Schicksal. Die Sonne steigt aus dem Meer und sinkt wieder hinein, Helden bitten, dass der dunkle Fluss des Todes zum Wasser des Lebens werde. Göttinnen stehen als Bäume, Götter hängen in Bäumen. Unsere innere Kraft heftet sich an Formen, die ihrer eigenen Bewegung gleichen. Ein Baum kann in einem Traum die Mutter sein und in einem anderen ein waches, aufrechtes Zeichen von Mut. Solche Gleitbewegungen sind hier keine Lüge; sie sind die Art und Weise, wie die Fantasie arbeitet. Die Lebenskraft wechselt das Gewand, aber sie will immer dasselbe: werden, zurückkehren, weiterfinden.
Mitten darin erkennt der Mensch etwas Vertrautes – wie eine Erinnerung ohne Worte, die tief in uns schlummert und auf das Licht der Erkenntnis wartet.
Seite 3
Jung stellt die Frage, die viele denken: Handeln die alten Mythen nur von verbotenen Dingen, einfach und grob? Er antwortet nein. Der verbotene Weg ist versperrt, und gerade deshalb biegt das Begehren ab. Es sucht Umwege. Es will wieder Kind werden, hineingehen und neu geboren werden. Die Fantasie findet Pfade: Metamorphosen, Wind, der befruchtet, Jungfrauengeburt. In diesem gemeinsamen Raum, den wir alle kennen, ohne ihn in einem Buch gelernt zu haben, atmet die Sehnsucht weiter – sie wird Geist, Bild und Gedanke, statt als blinder Trieb stecken zu bleiben. Jesu Gespräch mit Nikodemus ist ein Lehrstück darin. Nikodemus fragt wörtlich: Kann ein alter Mann in den Leib seiner Mutter zurückkehren? Jesus antwortet mit einem Bild: Der Mensch muss aus Wasser und Geist geboren werden. Seine Worte sind keine Verzierung. Sie sind eine Drehung, die Energie aus einer gebundenen, kindlichen Sehnsucht befreit.
Statt stecken zu bleiben, wandelt sie sich in Bewusstsein – und trägt Nützliches hervor: Arbeit, Gerechtigkeit, Fürsorge.
Seite 4
Dahinter steht eine Zeit, in der viele Sklaven waren, die Reichen müde und die Moral dünn. Sexualität war leicht zugänglich und doch leer, Frauen wurden verkannt, und viele fühlten sich ausgebrannt. Wenn das Leben so wird, zieht sich die tiefe Kraft im Menschen zurück ins Unzugängliche und Hohe. Sie nimmt die Gestalt der Mutter an. Symbole werden dunkler und tiefer, alles wird zum »Mysterium«. Man kann so tun, als hätte Sexualität nichts mit Religion zu tun, aber das heißt, die Augen zu schließen. Das Christentum verleugnet die alten Kräfte nicht. Es kleidet sie um, gibt ihnen neue Namen. Priapus wird zum Heiligen. Alte Zeichen wandern in neue Kirchen. Die Ironie folgt oft auf dem Fuß: Menschen können nach Tugend rufen und doch dasselbe Begehren unter dem Mantel tragen. Den Glauben zu verwerfen, ohne zu verstehen, was er einst beschützte, heißt riskieren, zurückgeworfen zu werden in rohe Lust.
Aber selbst diese Lust wird niedergehalten von der Notwendigkeit – dem Gewicht unserer eigenen Natur.
Seite 5
Der Weg aus der Spannung zwischen äußerer Moral und verstecktem Trieb führt durch Selbsterkenntnis. Wenn wir die Dinge auf das Einfache reduzieren, sehen wir oft das primitive Ich: das Kind in uns, mit Masken und Forderungen. Dann können wir unterscheiden zwischen den Bedürfnissen des Ganzen und dem Gesicht des Kindes. Die Sehnsucht zurück zur Mutter verschwindet nicht. Sie kommt mit, versteckt in Symbolen, die uns allen Raum geben: Der Himmel heißt Vater, die Erde Mutter, und die Menschen sind Geschwister. So dürfen wir Kinder sein – ohne es allzu sehr zu merken. Es ist sicher, aber der Preis kann Angst sein. Der ganz selige Gläubige ist selten. Öfter kennen die Menschen Zweifel und Schuld und fürchten, dass die Wirklichkeit sie entlarven wird. Dennoch halten uns die Mythen aufrecht. Sie sind Brücken zu den großen Werken der Menschheit. Dies ist nicht der einzige Pfad.
Ein wacher, bewusster Umgang mit der gebundenen Sehnsucht kann zu moralischer Selbstständigkeit führen. Dann wird Nächstenliebe nicht nur Nachahmung, sondern Verständnis für unsere gegenseitige Abhängigkeit. Glaube kann der Einsicht weichen, und die Schönheit der Symbole kann leuchten – ohne Ketten zu sein.

Seite 6
Der Weg des Baumes mündet in den Weg des Kreuzes. Götter, die an Bäumen hängen – Odin und andere – lassen uns das Kreuz Christi in derselben Ideenreihe sehen: Der Baum des Lebens und das Holz des Todes in einem. Der Mensch wird der Mutter im Baum zurückgegeben – dem Holz des Sargdeckels. Osiris’ Schicksal wird zum Muster: die Kiste im Wasser, ein Baumstamm, der umschließt, Verstümmelung und Wiederherstellung, ein schwacher Sohn, Horus, der kämpft. Alles kreist zurück zur Mutter: der Sohn des Morgens, Bruder und Bräutigam am Mittag, Kind am Abend. Der Frühling singt von einer heiligen Hochzeit zwischen Sonne und Erde – alles sprießt. Aber es gibt einen dunkleren Zwilling: Verstrickung und Verschlingung. Der Held wird von Schlingpflanzen gefangen, von Kraken, der Schlange der Nacht um das Sonnenboot. Die Sprache verrät die Tiefe: Wurzeln, Haut, Schwingen, Schwellen, Feuer und Wille gleichen einander in der Bewegung.
Bäume zeugen Menschen, der Weltenbaum trägt sie durch die Nacht. Ra steigt aus der Mitte des grünen Baumes. Daher kann Mithras aus dem Baumstamm geboren werden – und zugleich aus dem Felsen an einer Quelle brechen. Erde, Holz und Wasser: drei Gesichter der Mutter. Das christliche Kreuz wird nach und nach zum Baum des Lebens.
Seite 7
Mittelalterliche Legenden binden Baum, Kreuz und Adam zusammen. Adam soll auf Golgatha begraben sein. Ein Zweig aus dem Paradies wird auf sein Grab gepflanzt und wird zum Baum, an dem Christus stirbt. So wird der Baum der Sünde zum Baum der Sühne. In anderen Erzählungen tauchen Gestalten wie Lilith und Lamia auf – dunkle Mütter, die Kinder rauben. Die Mare reitet in der Nacht, und in Sprache und Fantasie verschmelzen Mutter und Pferd. Der Sonnengott reitet auf dem Rücken der Mutter, der sternengeschmückten Himmelskuh. Isis der Ägypter verletzt und heilt. Die Doppelheit der Mutter steht nackt da: Sie ist sowohl Rettung als auch Gefahr. Daher muss der Sohn sich aus dem Schoß der Mutter reißen, um selbstständig zu werden. In den Mythen geht der reinste Heldenkampf gegen den Meeresdrachen – das Ungeheuer, das Meer und Mutter zugleich ist. Im Osten heißt sie Tiamat. In der Bibel begegnen wir Rahab und Leviathan.
Der Held der Frühlingssonne teilt das große Mutter-Ungeheuer und erschafft die Welt aus ihr. Psychologisch bedeutet das: Die Welt entsteht aus der Kraft, die aus dem herausgezogen wird, was uns band, aus dem Mutter-Bild.
Seite 8
Manchmal muss ein Volk wissen, was einst verboten war. Ein ägyptisches Ritual zeigt das deutlich: In Papremis kämpfen Männer mit Keulen, bis das Blut fließt, eine Erinnerung an Typhon, der sich den Weg zur Mutter bahnte. Die heilige Gewalt teilt das Geheimnis mit der Menge. Auch Balder stirbt so: durch die Mistel, die Parasitenpflanze, die auf dem Baum wächst und an den Feuerbohrer in alten Ritualen erinnert. Der feierliche Schnitt des Priesters in die Mistel ist eine regulierte Berührung dessen, was auf dem Lebensbaum wächst. Wo roher Übertritt Unsterblichkeit verspricht, versprechen entwickelte Mysterien ethischen Sieg durch Entsagung. Im Mithraismus opfert der Held einen Stier. Er trägt und tötet das Wilde in sich und gewinnt die Sonnenkrone. Am Ende dieser Bahn hängt er am Lebensbaum: Der Erstgeborene gibt das Leben zurück an die Mutter, indem er einen schändlichen Tod stirbt. So wird Schande in Reinheit verwandelt.
Adams Schuld wird in neuer Sprache gesühnt.
Seite 9
Das Kreuz erweist sich als dichtes Symbol. Es ist der Baum des Lebens, das Fruchtbarkeitszeichen und das Vereinigungsmerkmal. Varianten finden sich weltweit: Flügel als Querbalken, Tau-Kreuze in Rinde, über Wasser geworfen, die Weltseele als X zwischen Himmel und Erde bei den Griechen. Der ägyptische Anch-Schlüssel zeigt dasselbe – den Schlüssel zum Leben, geformt als Schleife und Kreuz. Daneben steht die Göttin, die manchmal Mutter, manchmal Tochter, manchmal Ehefrau ist. Schlangen und Skarabäen kreisen um die Sonne und ihre Reisen: fallen und wieder aufstehen, die Haut wechseln und von neuem beginnen. All dies sammelt sich in einem Gedanken: Das Kreuz trägt Leben und Vereinigung. Und in der Tiefe ist es eine Vereinigung mit der Mutter zur Erneuerung. Ein mittelalterliches Klagelied lässt Maria mit dem Kreuz streiten. Sie sagt, das Kreuz hacke ihren blauen Vogel mit Gift nieder.
Das Kreuz antwortet: Meine Blume färbt sich rot, um die Welt zu retten. Es ist, als ob zwei Mütter – eine des Lebens, eine des Todes – ineinandergleiten und sich schließlich versöhnen.
Seite 10
Der eigentliche Heldenpfeil ist eine Entscheidung. Er weist aus dem Kreis der Kindheit hinaus. Er geht durch alles, was bindet – und öffnet eine neue Tür. Miss Miller lebt noch eng mit ihrer Familie, als diese Fantasien geboren werden. Ohne einen Bruch im Leben – keinen hässlichen Bruch, aber eine notwendige Trennung – droht eine Krankheit, die nicht von außen sichtbar ist. Die Pfeilwunde wird dann zu einem verwandelten Zeichen der Zugehörigkeit: keine einfache Handlung, sondern eine Übertragung von Energie weg von den Eltern hinein in den eigenen Beruf, die eigene Liebe, das eigene Werk. Der Held in ihr muss in der Form sterben, die er hat – als Träger des alten, kindlichen Begehrens. Alles, was zurückhält, muss loslassen. Wenn der Angreifer fort ist, sucht Chiwantopel eine, die versteht. Er zählt Frauen auf – alle antworten falsch. Die Zielscheibe, auf die er eigentlich zielt, ist größer: Mutter und Lebensgefährtin in einem.
Das Unbewusste kümmert sich wenig um äußere Identität. Es will Kraft verschieben. Es will leben.

Seite 11
Die Kultur kann unterdrücken oder beschmutzen, aber hinter den Masken liegt eine einfache Sache: der Wunsch, gehalten und gesehen zu werden. Oft verkleidet er sich als Trieb, oder der Trieb verkleidet sich als hohe Worte. Die Natur fordert ihr Recht vor dem Luxus des Intellekts. Wer aus Angst vor dem Schicksal des Lebens ganz verzichtet, riskiert, in die Furcht in dunkelster Form gedrängt zu werden. Viele große Geschichten weisen denselben Weg. Buddha und Christus zeigen, dass der Heldenmut der Mut zum Bruch ist. Das Schwert wendet sich gegen das Zuhause, nicht aus Hass, sondern um zu wachsen. Ein moderner Dichter beschreibt die Gefahren der Loslösung: Kälte, Isolation, der Mutter-Dämon, der ruft. Die befreite Kraft ist wie eine Schlange in stillem, schwerem Wasser. Entweder formt sie sich zu neuer Schöpfung – oder sie zieht dich hinab.
Die Lösung ist weder, vor der Schlange zu fliehen noch sie zu hätscheln, sondern sie zu zähmen, ihr Arbeit und Richtung zu geben.
Seite 12
Um dies sichtbarer zu machen, greift Jung auf Erzählungen zurück. Hiawatha, der Held in Longfellows Gedicht, wird zum Spiegel. Der Gott Gitche Manito steht auf dem Roten Pfeifenstein. Wo er hintritt, entspringt ein Fluss: Wasser und Feuer in einem. Hiawathas Geschlecht trägt Mond, Wind und Sterne in sich. Er hat zwei Mütter und eine doppelte Geburt. Er lernt die Sprache der Natur – die Fichte antwortet, das Wasser singt – und findet die Stimme der Mutter wieder in Minnehaha, Laughterwater. Er wird stark an der Furt, gekleidet in Hirschhaut und Stärke von seinen Eltern. Er kämpft drei Tage gegen den rauen Westwind, den Vater, und besiegt den heimischen Wind. In Fasten und Hunger kehrt er nach innen, und aus der Erde steigt Mondamin, der Maisgott, und fordert ihn zum Ringkampf, drei weitere Tage. Hiawatha siegt, begräbt den Feind in der Erde, und der Mais sprießt.
Das innere Ringen gegen den Hunger und das Verlangen nach der Mutter wird zu einem Gott, der gegessen wird. Es ist wie in Mysterien, wo ein Stier geopfert wird oder wo Brot der Leib Gottes heißt. Etwas stirbt, und etwas anderes lebt.
Seite 13
Hiawatha lässt sich vom König der Fische verschlingen. Im Bauch spürt er das Herz schlagen und schlägt zurück. Mit Hilfe von Vögeln entkommt er – eine Nachtfahrt und eine Himmelfahrt. Der Auftrag gegen den Zauberer Megissogwon führt ihn durch Schilf in Todeswasser. An einer Fichte, bedeckt mit Totenpilzen, ruht er. Der Specht – Mama – flüstert ihm die Verletzlichkeit des Zauberers zu. Drei Pfeile fällen den Unbesiegbaren. Dann folgen Hochzeit, Tod von Freunden, Hungersnot, Minnehahas Ende. Schließlich zieht er nach Westen auf Keewaydin, ins Abendlicht, zu den Inseln der Seligen. Ein Heldenleben wie der Lauf der Sonne: Loslösung und Rückkehr, immer im Kreis.
Seite 14
Wagner lässt den Mythos eine andere Melodie spielen. Brünnhilde, die sowohl Wille als auch eine Art geistige Mutter ist, schläft hinter einem Gürtel aus Feuer. Siegfried, der Junge ohne Furcht, hört den Vogel, lockt den Drachen Fafner aus der Höhle, tötet ihn, kostet das Blut und versteht die Sprache der Natur. Mit dem Herzen, dem Tarnhelm und dem Schatz in der Hand wird er Herr über die raue Mutter – die Erde und alles, was sie birgt. Die Höhle heißt oft etwas, das an »Gebärmutter« erinnert. Wörter für Schatz und Raum weisen zurück auf denselben Riss im Fels – ein Tor zum Hades und eine Erinnerung an den Mutterschoß, der uns weder bleiben noch gehen lässt ohne Prüfungen. Menschen haben in Erdspalten geopfert, Münzen in Brunnen geworfen. All dies sagt, dass die Erde lebendig ist. In der Mitte der Erde liegt eine Schlange. Es ist nicht nur ein Tier, sondern ein Bild der Angst und der Lockung aus dem Reich der Mutter.
Der Held begegnet ihr immer wieder, in neuen Gewändern.
Seite 15
An den Kreuzwegen steht Hekate, die nächtliche dreifache Mutter. Sie hält Schlüssel, Peitsche, Messer, Schlange und Fackel. Sie schließt auf und zu, züchtigt und leuchtet. Grotten, Brunnen und Krypten sind die heiligen Räume der Erde. Alte Katakomben und unterirdische Kirchen führen einen tiefen, alten Totenkult fort. Die Schlange, das Tier des Todes, wird zum Schatzwächter und Gast im Kelch. Der Kelch ist die Höhle, in der der Gott erneuert wird. Paulus sagt, der Fels, der geistigen Trank gibt, sei Christus. Wir trinken Unsterblichkeit aus der Mutterbrust, wenn der Kelch gesegnet wird. Aber Geheimnisse werden oft missverstanden. Hinter verschlossenen Türen gleitet Verwandlung in Ausschweifung über. Ekstatische Sekten küssen Schlangen und glauben, den Schlüssel gefunden zu haben, verwechseln aber Bestätigung mit Verwandlung. Der Mythos sagt vorsichtig: Sieh die Tiefe, aber lass dich nicht von ihr verschlingen.
Lass die Flamme wärmen, nicht das Haus niederbrennen.

Seite 16
Die Sprache der Träume korrigiert uns, wenn wir uns verirren. Eine Schlange schießt aus einer feuchten Höhle und beißt in die Genitalien. Eine andere füllt die Frau von innen. Eine dritte setzt sich in der Kehle fest. Mutige Träumer beißen den Kopf der schwarzen Schlange ab, die sie würgt – und steigen verwandelt auf. Die Schlange ist die nach innen gewendete Kraft, die sonst zurück ins Bett der Kindheit kriechen würde. Ihr Gift ist sowohl Wahnsinn als auch Fruchtbarkeit. Wenn du die Kette durchbeißt, stirbt nicht das Leben – die Kette tut es. Ein neues Wesen steigt hervor. Indische Weise sagen, die Welt sei aus sich selbst geschlüpft. Der Ur-Vater brütete auf sich selbst, befruchtete sich selbst, schlüpfte aus sich selbst. Die Schöpfung ist Selbstinkubation. Nach innen zu gehen heißt, in den eigenen Mutterleib zu gehen. Liebe steigt aus der Wärme des Herzens als Keim der Erkenntnis.
Daher ist der Held sowohl Schlange als auch Drachentöter. Er ist bedroht und rettet, im selben Körper.
Seite 17
In manchen Städten ehrte man einen Gott mit einer Schlange in der Hand. Anderswo sagte man: Der Stier ist der Vater der Schlange, die Schlange der Vater des Stiers. So wiesen sie auf den Kreislauf: Leben entspringt dem Tod und kehrt zurück ohne Bruch. Siegfried erschlägt den Drachen, trifft dann aber Wotan – den Wanderer, der die Weisheit der Mutter Erda trägt. Die Mutter hat die Schlange in die Bahn des Gottes gelegt. Die Mutter sendet auch den Wahnsinn. Der Held muss ihn in sich selbst zähmen. Wotan findet die Rettung: Er will den Untergang der Götter, um dem immer Jungen ein Erbe zu geben. Brünnhilde erweist sich als Wille und Mutter in einem. Der Held wirft sich in die strahlende Flut, springt in den Strom und gewinnt das Leben aus einem Kuss. Später wird er von einem Speer an seiner verletzlichen Stelle getroffen. Die alte Sonne verschlingt ihren Sohn, um neu aufzusteigen.
Seite 18
Vor diesem Hintergrund fügt sich Miss Millers Vision ein. Chiwantopel, ihr Held, sehnt sich sowohl weg von als auch hin zur Mutter. In seinem stolzen und melancholischen Monolog schwingt ein Kreis: Niemand versteht mich. Erst in zehntausend Monden wird eine blasse Frau meine Seele kennen. Sie wird rein sein und im Traum verstehen. Die Reinheit, die er herbeiruft, füllt eine Leere in einem untätigen Dasein. Da schießt eine grüne Schlange aus dem Gebüsch und beißt ihn in den Arm. Zuerst stirbt das Pferd – der vorwärts gerichtete Trieb – dann der Held. In der Ferne bebt ein rauchender Krater. Die Erde bedeckt ihn. Der Berg, der ihn gebar, verschlingt ihn wieder. Im Delirium ruft er nach Ja-ni-wa-ma, der einen, die versteht. Jung hört im Namen ein Echo des Mutter-Musters: wa–wa, ma–ma. Verstanden zu werden heißt, umschlossen zu werden. Niemand umschließt wie die Mutter. Der kindliche Held muss sterben.
Nicht, um seinen Kern auszulöschen, sondern um Platz zu schaffen für den Erwachsenen.
Seite 19
Das Ziel der Psychoanalyse ist nicht, einen isolierten Trieb zu löschen oder zu befriedigen. Sie will das kindliche Ich in ein erwachsenes verwandeln, das Notwendigkeit und Handlung erträgt. Arbeit ist das Gegengift gegen den Schlaf, in dem der Trieb sich in ein fossiles Bett kringelt. Eine andere Stimme klingt dennoch herein: die Ballade vom nächtlichen Kuss. Das Geheimnis wird von einem Stern und dem Mond gesehen. Der Mond flüstert es dem Meer zu. Das Meer trägt es zum Ruder. Das Ruder zum Seemann. Der Seemann zum Lied. Der Nachbar hört es. Der Pfarrer predigt es. Die Mutter vermittelt es. Der Vater wird wütend und verbietet Tür und Fenster. Das Begehren läuft durch Natur und Gesellschaft – und wird Gesetz und Urteil. Die Verbote stoppen den inneren Entschluss nicht. Die Jungfrau geht dennoch zum Fenster, wie zu ihren Blumen, und verspricht, nicht zu ruhen, bis der Geliebte ihr gehört.
Seite 20
Am Rand dieses Bildes glüht der Schatten eines noch älteren Buches: das gewaltige Meerestier, das Feuer speit und keine Furcht kennt. Dieses Bild beleuchtet die Kraft des Konflikts. Es ist eine Energie, die sich nicht wegmoralisieren lässt. Daher reagieren die Hüter der Gesellschaft. Sie ahnen, dass es sich nicht um eine kleine Verfehlung handelt, sondern um ein Prinzip. Tür und Fenster können geschlossen werden, aber der eigentliche Durchgang ist innerlich. Er lässt sich nicht verschließen. Nun öffnet Jung die Psychologie der Projektion. Der Mensch erträgt nicht immer sein eigenes Gewicht. Wir schieben sowohl Schuld als auch Größe ins Göttliche hinaus. Im Christentum verbirgt sich ein Erbe von Tieren und Natur – Taube, Fisch, Lamm. Sie tragen Reste alter Grade und Stufen. Die komische Figur mit dem Schwein an der Seite des Antonius sagt es so einfach wie wahr: Selbst der Asket wird von dem Niedrigen in sich gejagt.
Gottes Liebe, sagten manche, sei mit Eros verwandt – der bindenden Kraft zwischen dem Menschen und dem, was größer ist als er selbst. Zwei Sprachen für dieselbe Energie.

Seite 21
Eine kleine Erzählung von Augustin zeigt, wie mächtig diese Energie ist. Der Freund Alypius verabscheut den Zirkus. Er schließt die Augen, wenn die Menge schreit. Aber dann öffnet er sie – nur ein wenig, nur einmal – und wird ein anderer. Das Schicksal fühlt sich schwer an, wenn Wille und Leben nicht im Gleichschritt gehen. Die Alten suchten nach magischen Lösungen für den Zwang der Sterne. Jung weist auf die Klemmen der Kindheit. In Zeiten der Auflösung wachsen Innerlichkeit und Askese. Im Mithraismus und in der jungen Kirche verbinden sich Enthaltsamkeit und Ethik. Die Idee des Opfers steht im Zentrum: Christus als Lamm, Mithras, der den Stier opfert. Der Körper wird auf den Altar gelegt und zur Nahrung für Seele und Gemeinschaft. Es tut weh. Es ist erzwungene Verwandlung. Aber es trägt Versprechen einer neuen Energie in Form.
Seite 22
In solchen Perioden sucht das Wort der Vernunft – der Logos – einen neuen Körper. In der Neuzeit kam es in der Naturgefühl der Kunst und der Intuition der Wissenschaft. Religiöses Begehren wird säkularisiert, aber die Energie ist dieselbe. Sie ist nur umgekleidet, vom Altar auf die Leinwand, von der Altarschranke ins Labor verschoben. Das Sonnensymbol trägt viel von dieser Entwicklung. In mithraischen Texten spricht der Eingeweihte zu Helios: Ich bin ein wandelnder Stern, der aus der Tiefe flammt. Gekrönt zu werden – mit Palmblättern, Federn, Glorie oder Tonsur – heißt, sich mit der Sonne zu identifizieren. In einem alten Roman steht ein Neueingeweihter wie eine Sonne da, mit Fackel, in Weiß und Rot. Die christliche Gegenfigur ist die Dornenkrone – eine ironische Sonnenkrönung durch Schmerz. Die Grenzen zwischen Mithras und Christus gleiten. Christus wird historisch mit Sol Invictus verbunden.
Geburtstag zur Sonnenwende, Prophezeiungen von der Sonne der Gerechtigkeit. Zugleich wird vor Sonnenanbetung gewarnt – aber die Bilder gleichen sich dennoch.
Seite 23
In alten Katakomben stehen Sonnenräder und Swastikas neben Lamm, Pfau und Stier. Die Apostel werden als die zwölf Monate der Sonne gelesen. Die Schlange des Tierkreises trägt die Zeichen. Christus wird erhöht wie die Schlange, die Moses in der Wüste aufrichtete – das Symbol der Lebenskraft, eingewoben in die Heilsgeschichte. Siehe, das Lamm Gottes – mit einem versteckten Zipfel des Sterns Widder. Psychologisch kreuzen Vision und Krankheit oft denselben Fluss. Wenn ein Eingeweihter den Sonnengott jugendlich, strahlend, in Weiß und Gold sieht, Blitze aus den Augen, Sterne, die aus dem Körper flammen, und einen Strom von der Sonne fühlt, der Geist schenkt – ist es sowohl inneres Bild als auch gelernte Form. Auch Menschen in Verwirrung beschreiben dieselben Ströme: Wind, der durch die Brust bläst, Licht im Kopf, Herzschlag, der sich dreht, Gott, der einzieht.
Dieselbe Energie zeigt sich als Strahlen und göttliche Kommunikation – oder als Überwältigung. Daher liegt die Sprache der Mystik nahe an der der Psychose. Entscheidend ist, ob das Bewusstsein es ertragen kann.
Seite 24
Schließlich kehren wir zu den beiden Städten zurück – Babylon und Jerusalem – und sehen sie neu. Sie sind zwei Gesichter der Mutter in uns. Die eine lockt uns zu bleiben, die andere ruft uns hinaus. Wasser und der Baum des Lebens stehen zwischen ihnen, wie zwei Freunde. Der Fluss fließt vom Thron, der Baum trägt jeden Monat Frucht. Die Blätter heilen die Völker. Wir sind durch Papyrus und Säulen, Flammen und Berge, Schlangen und Pferde, Helden und Göttinnen gegangen. Alles war eigentlich eine Bewegung. Sie begann mit einem Ruf nach der Mutter und endete mit einer Antwort an die Welt: Ja. So knüpft Jung den Faden. Der infantile Held – der kleine Poser, der geliebt werden will, bevor er zu leben wagt – muss geopfert werden. Nicht getötet aus Hass, sondern hingelegt wie ein Same. Dann wird eine Energie frei, die Arbeit, Liebe und Einsicht werden kann. Wir müssen die Symbole nicht verleugnen, um erwachsen zu werden.
Wir können durch sie hindurchleuchten. Wir können den Glauben Platz machen lassen für das Verständnis und die Schönheit der Symbole bewahren, ohne dass sie uns ketten. Wer es erträgt, nach innen zu gehen, kann dann hinausgehen – nicht als brennende Sonne, die alles versengt, sondern als milde Wärme, die Farben in den Gesichtern der anderen entzündet.
